Das kleine Mädchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten Wangen, der festen straffen Haut und dem schönen Körperchen gefiel Darja Aleksandrowna ungeachtet des mürrischen Ausdrucks, mit welchem es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mädchen kroch, gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute es mit seinen großen glänzenden schwarzen Augen um sich, offenbar erfreut darüber, daß man sich freundlich mit ihm abgebe, stützte sich lächelnd, und die Füßchen seitwärts haltend, energisch auf die Hände und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den Händchen nach vorwärts faßte.
Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die Engländerin, gefiel Darja Aleksandrowna durchaus nicht. Nur damit, daß in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl kein gutes Mädchen gehen mochte, erklärte sich Darja Aleksandrowna selbst, daß Anna mit ihrer Menschenkenntnis für ihr Kind eine so unsympathische, gar nicht respektable Engländerin hatte nehmen können. Außerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, daß Anna, die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten, und der Besuch der Mutter ein ungewöhnliches Ereignis bildete. Anna wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden.
Am wundersamsten aber von allem war, daß Anna auf die Frage, wie viel Zähne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zähnen noch gar nichts wußte.
„Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, daß ich hier förmlich überflüssig bin,“ sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm ihre Schleppe auf, um an den bei der Thür stehenden Spielgeräten vorüberzukommen. „So war es nicht bei meinem ersten Manne.“
„Ich dachte, im Gegenteil,“ sagte Darja Aleksandrowna schüchtern.
„O nein; du weißt doch wohl, ich habe ihn gesehen — meinen Sergey,“ sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas weit Entferntem. „Doch davon können wir ja später sprechen. Du glaubst nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man plötzlich ein üppiges Mahl vorgesetzt hat, ohne daß sie weiß, wonach sie langen soll. Das üppige Mahl — bist du und die mir bevorstehenden Gespräche mit dir, die ich mit niemandem sonst führen konnte; ich weiß nun nicht, an welches Thema ich zuerst gehen soll. Mais je ne vous ferai grâce de rien — ich muß mich ganz aussprechen. Ich muß dir ein Bild von der Gesellschaft machen, die du bei uns findest,“ begann sie, „und beginne mit den Damen. Da ist die Fürstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine Meinung und diejenige Stefans über sie. Stefan sagt, der ganze Zweck ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es für mich einen Moment, in welchem mir un chaperon notwendig war; da war sie bei mir; sie ist wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe wohl, daß du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst — wie sie dort, in Petersburg war,“ fügte sie hinzu. „Hier lebe ich nun vollkommen ruhig und glücklich; doch davon später, erst muß aufgezählt werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Präsident und ein sehr solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt, nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit seinen Verhältnissen großen Einfluß ausüben. Dann Tuschkjewitsch — du hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt, wie sie scheinen wollen — et puis, il est comme il faut — wie die Fürstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij — den kennst du ja. — Er ist ein sehr lieber Mensch,“ sagte sie, mit schelmischem Lächeln die Lippen kräuselnd. „Was ist denn das für eine seltsame Geschichte mit Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzählt und wir können sie gar nicht glauben. Il est très gentil et naif“ sagte sie, wieder mit dem nämlichen Lächeln. „Die Männer bedürfen der Zerstreuung und Aleksey braucht Menschen um sich; daher schätze ich diese ganze Gesellschaft. Bei uns muß es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts Neues wünscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein Deutscher, ein sehr hübscher Mann, der auch seine Sache versteht; Aleksey schätzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weißt du, ‚er ißt mit dem Messer‘ — sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch der Architekt da. — Une petite cour.“ —
20.
„Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,“ sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend, auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte. „Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag, befehlt aber immerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe, Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.“
Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten.
„Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag — ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es! Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa, und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber, c'est un intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare. Jeder thut, was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr. Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von seinem Krankenhaus erzählt? Ce sera admirable — und alles aus Paris.“