„Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schließt eines das andere aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies allein ist mir doch nur Bedürfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgültig. Alles, alles gleichgültig. Irgendwie muß es enden, und daher kann und mag ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwürfe und richte in nichts über mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu erfassen, woran ich leide.“ Sie trat heran, setzte sich neben Dolly, blickte dieser mit schuldbewußtem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei der Hand. „Was denkst du? Was denkst du über mich? Verachte mich nicht! Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglücklich. Wenn jemand unglücklich ist, so bin ich es,“ sprach sie und brach, sich von ihr abwendend, in Thränen aus.

Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett. Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken über sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr jetzt so teuer und lieb, daß sie um keinen Preis außerhalb derselben einen überflüssigen Tag hätte zubringen mögen, und sie beschloß, bestimmt morgen abzureisen.

Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurückgekehrt, ein Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschüttet, deren hauptsächlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben.

Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an. Er suchte nach den Spuren des Gesprächs, welches sie, wie er wußte mit Dolly gehabt haben mußte, da sie so lange im Zimmer derselben geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurückgehaltene Aufregung und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber doch immer noch fesselnde Schönheit, ihr Bewußtsein davon, und ihren Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was sie beide gesprochen hätten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst sagen. Doch sie sprach nur:

„Ich freue mich, daß Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?“

„Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint, mais excessivement terre-à-terre. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr über sie gefreut.“

Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lächelte ihm zu, den Blick anders auffassend.

Am anderen Morgen rüstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr mürrisch und entschlossen in die geöffnete, mit Sand bestreute Einfahrt.

Der Abschied von der Fürstin Barbara und den Herren war Darja Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben war, fühlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, daß sie einander nicht näher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr zusammenkämen. Nur Anna empfand Schmerz hierüber. Sie wußte, daß jetzt, mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefühle in ihrer Seele wachrufen werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl wußte sie doch, daß sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten, und daß dieser Teil ihrer Seele schnell überwuchert sein werde in dem Leben, welches sie führte.