Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde. Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.
„Was macht Any?“ sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die auf ihn zueilte.
Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen Stiefel aus.
„Es ist nichts; ihr ist besser.“
„Und du?“ sagte er, sich schüttelnd.
Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.
„Es freut mich sehr,“ sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte.
All das gefiel ihm — aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm, blieb auf seinem Antlitz.
„Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?“ sagte er, mit dem Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend.
„Dies ist ja gleichgültig,“ dachte sie, „wenn er nur hier ist, und wenn er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu lieben.“