„Worin beruht aber die Schwierigkeit?“ frug Lewin.
„Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara, hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält. Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie ist. — Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche“ — rief Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend. „O, welche Hitze!“ sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand.
„Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich mit dieser?“ sagte Lewin.
„Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, une couveuse,“ sagte Stefan Arkadjewitsch. „Wenn eine Frau beschäftigt ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe das Manuskript Workujeff gegeben — du weißt, der Verleger — er ist ja selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch genommen ist.“
„Also etwas Menschenfreundliches?“
„Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten — ich meine Wronskiy — einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache, aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken — delirium tremens — und die Familie war verlassen. Da erblickte sie die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst dieses ja sehen.“
Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.
Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.
In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.