Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur Antwort „Herr Workujeff“.

„Wo ist man?“

„Im Kabinett.“

Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden, traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem wunderbaren Bild.

Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte.

„Sehr erfreut,“ vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte.

Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts, in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung, nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war.

10.

Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen. In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets ruhig und natürlich sind.

„Es ist mir sehr, sehr angenehm,“ wiederholte sie, und in ihrem Munde erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde eine eigentümliche Bedeutung. „Ich kenne und liebe Euch lange schon wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald Mutter werden?“