Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend, sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend — zu ertragen, was ihm bevorstand.

Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend, hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen.

Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen „Gott vergieb mir und steh' mir bei!“ und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen, oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich, und doch war erst eine Stunde vergangen.

Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden.

Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher gespannt.

Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne die man sich gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten — jene Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten. Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends war.

Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht, aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt. Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren — er wußte es nicht.

Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett, wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig, und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys, es sorgfältig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat, sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl.

Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte.

Jenes aber war ein Schmerz gewesen — dies war eine Freude! — Doch sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin der Verstand nicht mehr reichte.