Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr Gespräch störte.

„Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen“ — sagte sie, „heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!“

„Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,“ antwortete Anna, sich umschauend, um Kity zu sehen.

„Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.“

„Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?“

„Ja, Kity ist da,“ sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, „sie ist in der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.“

„Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?“

„Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,“ sagte Dolly, in der Thür stehen bleibend.

„Ich hoffe und wünsche auch nichts,“ antwortete Anna. „Was heißt das, hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?“ dachte Anna, während sie allein war. „Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn! O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!“

Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden Schwestern. „Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen? Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles gleichgültig ist.“