„Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,“ sagte Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, „aber es liegt etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!“
„Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,“ sagte Dolly, „als ich sie hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.“
29.
Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.
„Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?“ frug Peter.
„Ja, nach Hause,“ sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin sie fuhr.
„Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares, Unbegreifliches und Neugier Erregendes. — Wovon mag der da wohl mit solchem Eifer dem andern erzählen,“ dachte sie, auf zwei Fußgänger blickend. — „Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet? Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben. Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. — Wenn ich gewollt hätte. — Ich habe auch gewollt! — Der dort ist zufrieden mit sich selbst“ — dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt, und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber überzeugte, daß er geirrt habe.
„Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht. Ich kenne nur seine appetits, wie die Franzosen sagen. — Die da möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,“ dachte sie, auf zwei Knaben blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte Gesicht abtrocknete. „Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei. Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig. Ich Kity — Kity mich! Das ist die Wahrheit. — ‚Tjutkin, Coiffeur. — Je me fais coiffer par Tjutkin.‘ Dies werde ich ihm sagen, wenn er kommt,“ dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes zu sagen; „es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei, alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen, daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist Gerechtigkeit!“ —
In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst über ihre Lage nachzudenken aufgehört hatte, fand sie sich, als der Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.
„Ist Antwort da?“ frug sie.