Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend, rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte.

Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden und Gehenden gerichtet — sie alle waren ihr widerlich — bald daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei seiner Mutter — die ja Leiden gar nicht verstand — über seine Lage beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und wie entsetzlich ihr Herz schlage.

31.

Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich, und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten, beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu und klinkte sie ein.

Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre — Anna entkleidete sie in Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit — und ein junges Mädchen, welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei.

„Bei Katharina Andrejewna — alles bei ihr — ma tante!“ rief das junge Mädchen.

„Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,“ dachte Anna. Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger, ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des Waggons niederbeugend. „Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem unförmigen Menschen da,“ dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd, trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein.

„Wollt Ihr vielleicht hinaus?“

Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich nach ihrer Ecke und setzte sich.