Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam, aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen, offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte, begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche kläglichen Ausgeburten hassen.
Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es nicht hören zu müssen.
Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte sich.
„Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei wohl denkt,“ dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend, dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit dem Vorhang.
Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an, bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich einzuatmen und wieder zu grübeln:
„Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre; dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was soll man da thun?“
„Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was ihn quält,“ sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend.
Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas.
„Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,“ wiederholte Anna, und begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte, und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze. Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug, aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren Gedankengang weiter.
„Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat, wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr, alles Lug, alles Trug, alles böse“ — —