Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser Mittelpunkt vor ihr befinden würde.
„Dahin!“ — sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt war, schauend, „dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin von allem erlöst; wie von mir selbst.“ — —
Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin, mit all seinen lichten, vergangenen Freuden.
Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung, als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan hatte, „wo bin ich, was thue ich, warum?“ — Sie wollte sich wieder erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. „Herr Gott vergieb mir alles!“ sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte, flammte in noch hellerem Glanze empor als je, und erleuchtete alles vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte, verdunkelte sich und erlosch auf ewig.
Achter Teil.
1.
Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt, Moskau zu verlassen.
Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: „Versuch eines Überblickes über die Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland“, beendet worden.
Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten. Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und, wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur Versendung an die Buchhändler gelangt.