Sergey Iwanowitsch und Katawasoff ergriffen mit ihren schon bereitgehaltenen Erwiderungen gleichzeitig das Wort.

„Darin liegt aber ja eben der Schwerpunkt, daß es Fälle geben kann, in denen die Regierung den Willen der Bürger nicht erfüllt; dann zeigt die Gesellschaft den ihren,“ sagte Katawasoff.

Sergey Iwanowitsch stimmte indessen diesem Einwand augenscheinlich nicht zu. Er zog die Stirn bei den Worten Katawasoffs und sagte etwas Anderes.

„Du stellst so die Frage unnütz auf. Es handelt sich hier nicht um eine Kriegserklärung, sondern einfach um den Ausdruck des humanen christlichen Gefühls. Man mordet unsere Stammesbrüder, die mit uns des nämlichen Blutes und Glaubens sind. Nun, nehmen wir an, sie wären selbst nicht unsere Mitbrüder, nicht unsere Glaubensgenossen, sondern einfach Kinder, Weiber, Greise. Da empört sich doch das Gefühl, und die Russen eilen zu Hilfe, um diese Schrecken zu verkürzen. Stelle dir vor, du gingest auf der Straße und sähest, daß Trunkene ein Weib schlügen oder ein Kind. Ich denke, da würdest du wohl nicht erst fragen, ob hier jenen Menschen der Krieg erklärt worden sei oder nicht, sondern darauf zueilen und den Beleidigten verteidigen.“

„Aber den Gegner nicht töten,“ sagte Lewin.

„Doch, du würdest ihn töten.“

„Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich nichts sagen. Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Südslaven ist aber nicht vorhanden, kann es auch gar nicht sein.“

„Doch wohl nur für dich nicht! Für die anderen ist es vorhanden,“ sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt die Stirne runzelnd. „Im Volke sind die Überlieferungen über Rechtgläubige lebendig, die unter dem Joch der Gottlosigkeit litten. Das Volk hat von den Leiden der Mitbrüder vernommen und gesprochen.“

„Kann sein,“ sagte Lewin nachgiebig, „aber ich sehe das nicht ein; ich bin selbst Volk und fühle dies doch nicht.“

„Ich auch nicht,“ sagte der Fürst. „Ich habe im Auslande gelebt, die Zeitungen gelesen und — ich gestehe es — selbst was die bulgarischen Schrecken anbetrifft — niemals recht begreifen können, weshalb plötzlich alle Russen ihre slavischen Brüder so zu lieben anfingen, während ich nicht die geringste Liebe für sie verspürte. Ich ärgerte mich darüber sehr, dachte, ich sei ein Ungeheuer, oder Karlsbad hätte auf mich so eingewirkt, aber nachdem ich hierher gekommen, war ich beruhigt. Ich sehe, daß es auch außer mir noch Leute giebt, die nur für Rußland Interesse haben, und nicht für die slavischen Brüder — Leute, wie Konstantin.“ —