Obwohl ihn der nicht zu Ende gehörte Plan Sergey Iwanowitschs, wie die befreite Welt der vierzig Millionen Slaven mit Rußland zusammen eine neue historische Epoche herbeiführen müsse, ein Plan, der für ihn als etwas völlig Neues sehr interessant war — obwohl ihn daher die Neugier, zugleich aber auch die Besorgnis, weshalb man ihn rufe, quälten — so fielen ihm doch, sobald er allein war und den Salon hinter sich hatte, seine Gedanken vom Morgen wieder ein, und alle die Betrachtungen über die Bedeutung des slawischen Elements in der Weltgeschichte erschienen ihm nun so nichtig im Vergleich zu dem, was in seiner Seele geschah, daß er augenblicklich alles dies vergaß und sich wieder in die Stimmung versetzte, in der er heute Morgen gewesen.

Er rief sich jetzt nicht mehr wie früher erst seinen ganzen Gedankengang ins Gedächtnis zurück — das brauchte er nicht mehr — sondern versetzte sich sofort in das Gefühl, welches ihn beherrschte, und mit jenen Gedanken in Verbindung stand, und fand dasselbe in seiner Seele noch weit stärker und bestimmter geworden, als früher. Es ging ihm jetzt nicht mehr so, wie bei seinen früheren künstlich ersonnenen Beruhigungsversuchen, bei denen er seinen gesamten Gedankengang wieder zusammenstellen mußte, um ein Gefühl zu finden. Jetzt war im Gegenteil die Empfindung der Freude und Ruhe lebendiger als vorher und sein Denken reifte gar nicht vor seinem Fühlen.

Er schritt über die Terrasse und schaute nach zwei Sternen, die an dem schon dunkelnden Himmel hervortraten, und plötzlich fiel ihm ein, „ja, zum Himmel emporblickend, habe ich gegrübelt, daß das Gewölbe da oben, welches ich sehe, nicht wirklich sei, dabei aber ein Etwas nicht mitbedacht, was ich vor mir selbst verbarg! Nun, was dort oben auch sein mag, einen Einwand kann es nicht geben. Man muß das wohl bedenken — und alles klärt sich dann auf.“

Schon bei seinem Eintritt in die Kinderstube fiel es ihm bei, was er sich selbst verhehlt hatte. Es war dies: „Wenn der höchste Beweis der Gottheit in deren Offenbarung, im Wesen des Guten beruhte, weshalb beschränkte sich dann diese nur auf die christliche Kirche? In was für Beziehungen zu dieser Offenbarung standen nun die Glaubensbekenntnisse der Buddhisten, der Mohammedaner, die doch auch an das Gute glaubten und es thaten?“

Ihm schien, daß es eine Antwort auf diese Frage für ihn gab, doch hatte er sich diese noch nicht gegeben, da trat er schon in die Kinderstube ein.

Kity stand mit aufgestreiften Ärmeln an der Wanne über das plätschernde Kind gebeugt und wandte, als sie die Schritte des Gatten hörte, diesem ihr Gesicht zu. Sie rief ihn lächelnd zu sich. Mit der einen Hand hielt sie den wohlgenährten Kleinen, der auf dem Rücken schwamm, unter dem Köpfchen, mit der andern drückte sie ein Schwämmchen über ihm aus.

„Ach, sieh nur sieh,“ sagte sie, als ihr Mann herzutrat. „Agathe Michailowna hat Recht. Es erkennt uns schon.“

Es hatte sich also darum gehandelt, daß Mitja seit dem heutigen Tage augenscheinlich schon alle die Seinen erkannte.

Kaum war Lewin an die Wanne getreten, so wurde vor ihm der Versuch angestellt, und er gelang vollständig. Die Köchin, die eigens dazu herbeigerufen worden war, beugte sich über das Kind. Das Kind machte ein mürrisches Gesicht und bewegte ablehnend das Köpfchen. Nun beugte sich Kity darüber, da erglänzte es von einem Lächeln, stemmte sich mit den Ärmchen gegen den Schwamm und stieß einen so behaglichen und eigentümlichen Laut aus, daß nicht nur Kity und die Kinderfrau, sondern auch Lewin in ungeahntes Entzücken gerieten. Man nahm das Kind auf einem Arme aus der Wanne, spülte es mit Wasser ab, wickelte es in ein Tuch und gab es, nachdem nochmals ein durchdringender Schrei ertönt war, der Mutter.

„Ich freue mich nur, daß du anfängst, es lieb zu gewinnen,“ sagte Kity zu ihrem Gatten, nachdem sie sich, das Kind am Busen, ruhig auf ihren gewohnten Platz gesetzt hatte. „Ich freue mich sehr darüber. Es hatte mich auch schon recht erbittert. Du sagtest doch, daß du gar nichts für den Kleinen fühltest.“