Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb; sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine broderie anglaise. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort, empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus, und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten — des Börsenspiels. —
Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies, daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland, die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage der Organisierung des Ackerbaues verdrängten.
Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour gemacht hatte.
„Er ist offenbar eifersüchtig,“ dachte sie; „mein Gott, wie gut und befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle für mich soviel sind, wie Peter der Koch.“ Und mit einer ihr selbst wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken und den rotschimmernden Hals. „Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit zu entreißen — er macht Fortschritte — so muß ich doch sein Gesicht sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er sich umwendet! Ich will es, nun!“ und sie öffnete die Augen weiter, im Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken.
„Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,“ murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte.
„Was ist?“ frug er noch lächelnd, und erhob sich.
„Er hat sich umgeblickt,“ dachte sie.
„Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,“ versetzte sie, ihn anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei oder nicht, daß sie ihn gestört habe.
„Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,“ sagte er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend.