Anna Dmitrijewna: Ich habe sie noch nie gesehen. Aber ich fürchte mich vor ihr. Eine gute Frau kann sich nicht dazu entschließen, ihren Mann zu verlassen. Und einen so guten Menschen! Er ist ja Viktors Kollege und hat bei uns verkehrt. Er war ein sehr liebenswürdiger Mensch. Aber wie er auch gewesen sein mag, quels que soient les torts qu'il a eus vis-à-vis d'elle, von ihrem Manne darf sie sich nicht lossagen. Man muß sein Kreuz tragen. Das eine verstehe ich nicht, wie Viktor bei seinen Grundsätzen es fertigbekommen kann, eine geschiedene Frau zu heiraten. Wie oft hat er, und erst kürzlich, in meiner Gegenwart mit Herrn Spizyn hitzig debattiert und den Beweis dafür zu führen gesucht, daß die Ehescheidung mit dem wahren Christentum unvereinbar sei, und nun wirkt er selbst auf eine solche hin. Si elle a pu le charmer à un tel point ... Ich fürchte mich vor ihr. Aber ich habe Sie hergebeten, um Sie zu hören, und statt dessen rede nur ich selbst immerzu. Was meinen Sie? Reden Sie! Was muß ich nach Ihrer Ansicht tun? Was halten Sie für nötig? Haben Sie mit Viktor gesprochen?

Fürst Abreskow: Ja, ich habe mit ihm gesprochen. Und ich glaube, daß er sie liebt, daß diese Liebe ihm schon zur vollen Gewohnheit geworden ist und eine gewaltige Macht über ihn gewonnen hat; und er ist ein Mensch, welcher Neigungen nur langsam in sich aufnimmt, sie aber dann um so energischer festhält. Was einmal in sein Herz eingedrungen ist, das geht nicht wieder hinaus. Er wird nie eine andere Frau als sie lieben und kann mit keiner andern glücklich werden.

Anna Dmitrijewna: Und wie gern würde ihn Warja Kasanzewa heiraten! Was ist sie für ein prächtiges Mädchen, und wie liebt sie ihn!...

Fürst Abreskow (lächelnd): C'est compter sans son hôte. Das ist jetzt ganz ausgeschlossen. Und ich glaube, es ist das beste, sich zu fügen und ihm zu der Heirat behilflich zu sein.

Anna Dmitrijewna: Zu der Heirat mit einer geschiedenen Frau, damit er dem ersten Manne seiner Frau fortwährend begegnet? Ich verstehe nicht, wie Sie mit solcher Ruhe davon reden können. Ist das etwa eine Frau, wie eine Mutter sie ihrem einzigen Sohne, und noch dazu einem solchen Sohne, zur Gattin wünschen kann?

Fürst Abreskow: Aber was ist da zu machen, liebe Freundin? Natürlich wäre es besser, wenn er ein Mädchen heiratete, das Sie kennen und gern haben. Aber wenn das eben nicht möglich ist ... Und dann: wenn er nun eine Zigeunerin oder Gott weiß wen heiratete? Lisa Protasowa aber ist ein herzensgutes, liebenswürdiges Wesen. Ich kenne sie durch meine Nichte Nelly: sie ist eine sanfte, gutherzige, liebevolle, moralisch tadellose Frau.

Anna Dmitrijewna: Eine moralisch tadellose Frau, die es fertigbringt, sich von ihrem Manne loszusagen?!

Fürst Abreskow: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Sie sind ja so hart und grausam. Der Mann dieser Frau ist einer von jenen Menschen, von denen man sagt, daß sie keinen andern Feind haben als sich selbst. Aber in noch höherem Grade ist er ein Feind seiner Frau. Er ist ein schwacher, völlig heruntergekommener, trunksüchtiger Mensch. Er hat sein ganzes Vermögen und ihr ganzes Vermögen verschwendet; sie hat ein Kind ... Wie können Sie nur eine Frau verurteilen, die einen solchen Mann verlassen hat? Zudem hat nicht sie ihn verlassen, sondern er sie.

Anna Dmitrijewna: Ach, welch ein Schmutz! welch ein Schmutz! Und ich soll mich damit besudeln!

Fürst Abreskow: Und Ihre Religion?