Erster Auftritt
Karenin, Lisa.
Karenin: Er hat es so fest versprochen, daß ich bestimmt glaube, er wird sein Versprechen zur Ausführung bringen.
Lisa: Es ist mir peinlich, aber ich muß es doch sagen, daß das, was ich über diese Zigeunerin erfahren habe, mir ein vollständiges Gefühl innerer Freiheit gegeben hat. Glaube nicht, daß das Eifersucht wäre. Es ist nicht Eifersucht, sondern, weißt du, ein Gefühl der Befreiung. Wie soll ich Ihnen das deutlich machen?...
Karenin: Wieder „Ihnen”.
Lisa (lächelnd): Nun also: dir. Aber lassen Sie mich, laß mich meine Empfindungen aussprechen! Was mich am meisten quälte, war das Gefühl, daß ich zwei Männer liebte. Denn das bedeutet, daß ich eine sittenlose Frau bin.
Karenin: Du eine sittenlose Frau?!
Lisa: Aber seit ich erfahren habe, daß er mit einer anderen Frau zusammenlebt und ich also für ihn keine Bedeutung mehr habe, seitdem bin ich innerlich frei geworden und fühle, daß ich ohne zu lügen sagen darf: ich liebe Sie, — dich. Jetzt ist in meiner Seele alles hell und klar, und nur meine äußere Lage quält mich noch. Diese Scheidung. Das ist alles so qualvoll! Dieses Warten!
Karenin: Es wird sich in allernächster Zeit entscheiden. Abgesehen davon, daß Fedja uns sein Versprechen gegeben hat, habe ich auch noch meinen Sekretär ersucht, sich mit einem Bittgesuche an das Konsistorium zu ihm zu begeben und nicht eher wieder fortzugehen, als bis er seine Unterschrift gegeben hat. Wenn ich ihn nicht so genau kennte, so würde ich glauben, daß sein Zaudern Absicht ist.
Lisa: Absicht? Nein, das ist alles bei ihm nur Schwäche und Ehrenhaftigkeit. Er will nicht die Unwahrheit sagen. Aber du hast nicht gut daran getan, ihm Geld zu schicken.