Der Geruchssinn muß sich mit den Jahren bei mir völlig geändert haben. Wie wäre es sonst zu erklären, daß, soviel Pferde ich jetzt auch rieche, dieser Geruch nicht im geringsten die Bedeutung und den Reiz mehr für mich hat wie in der Kindheit.

8. Die Jagd.

Es war ein heißer Tag; weiße, wunderbar geformte Wölkchen zeigten sich seit dem Morgen am Horizont; dann trieb ein leichter Wind sie näher und näher, so daß sie bisweilen für kurze Zeit die Sonne bedeckten. So zahlreich sie auch gegen Abend am Himmel entlang zogen, war es ihnen doch nicht bestimmt, sich zum Gewitter zusammenzuziehen und zum letztenmal unser Vergnügen zu stören. Sie begannen sich wieder zu zerteilen; nur im Osten hing eine große graue Wolke; die anderen wurden blasser, zogen sich in die Länge und eilten am Horizont hin; über dem Kopf aber verwandelten sie sich in weiße durchsichtige Schäfchen. Regen war nicht zu erwarten; selbst Karl Iwanowitsch, der stets wußte, wohin jede Wolke zog, erklärte, das Wetter bliebe gut.

Foka kam trotz seines vorgerückten Alters schnell und gewandt die Treppe heruntergelaufen, schrie: »vorfahren!« und faßte mitten in der Einfahrt, zwischen der Stelle, wo der Kutscher Iwan mit dem Jagdwagen erscheinen sollte und der Schwelle Posto in der Haltung eines Mannes, den man nicht an seine Pflicht zu erinnern braucht. Die Damen erschienen, und nach einigen Erörterungen darüber, auf welcher Seite jede sitzen und an wem sie sich festhalten sollte (obwohl das, meiner Meinung nach, überhaupt nicht nötig war), stiegen sie auf, spannten die Schirme auf und fuhren fort. Als der Jagdwagen sich in Bewegung setzte, deutete Mama ängstlich auf das »Jagdpferd« und fragte Iwan mit zitternder Stimme: »Ist das Wolodjas Pferd?«

Und als jener bejahend antwortete, machte sie nur noch eine Handbewegung und wandte sich ab. (Der Wagen mußte einen Umweg machen und fuhr deswegen vorauf.)

Sehr ungeduldig bestieg ich meinen Klepper und führte mit Hilfe der Reitpeitsche verschiedene Evolutionen auf dem Hofe aus, sorgfältig den umherliegenden Hunden ausweichend, um dem ewigen Vorwurf der Jäger zu entgehen: »Herr, seien Sie so gut, überreiten Sie die Hunde nicht!« Diese Bemerkung ärgerte mich sehr – als ob ich das nicht wüßte!

Wolodja schwang sich, trotz seines festen Charakters nicht ohne leises Zittern auf das Jagdpferd. Auf dem Tier aber machte er sich sehr gut, wie ein Erwachsener. Besonders lagen seine Schenkel so gut auf dem Sattel, daß ich ihn beneidete, weil ich, nach dem Schatten zu urteilen, bei weitem keine so gute Figur abgab.

Jetzt ertönten Papas Schritte auf der Treppe. Der Hundewärter trieb die Jagdhunde zurück, die sich losrissen; die Jäger riefen ihre Windhunde und saßen auf. Der Reitknecht führte das Pferd an die Treppe; die Hunde von Papas Meute, die bis dahin in malerischen Stellungen sein Pferd umlagert und umstanden hatten, stürzten auf ihn zu. Er trat auf die Treppe; hinter ihm kam lustig Milka mit dem Korallenhalsband voll Eisenstacheln. Sie begrüßte stets die anderen Hunde; einige knurrten sie an, mit anderen spielte sie, einigen wurden sogar die Flöhe abgesucht!

Papa bestieg sein Pferd, und wir ritten los. Der Pikör mit Beinamen »Türke« ritt vorauf, hinter ihm liefen in buntem Schwarm die zusammengekoppelten Jagdhunde. Es war ein kläglicher Anblick, wenn ein unglücklicher Hund sich einfallen ließ, stehenzubleiben, um irgendeinen interessanten Gegenstand zu beschnüffeln. Zuerst mußte er seine Gefährten zu sich herüberziehen, und dann ließ sich sicher einer der Hundewärter die Gelegenheit nicht entgehen, mit der Hetzpeitsche zuzuschlagen und zu schreien: »In die Koppel!«

Als wir auf das freie Feld kamen, verteilten sich die Jäger mit den Windhunden auf beide Seiten. Hier und da sah man so eine aus Mensch und Tieren bestehende Gruppe. Hübscher machten sich die Jäger zu Pferde, hinter denen die Hunde liefen – besonders wenn man ihnen Futter hinwarf. Dabei das Stoppelfeld oder Waldesgrün an dem sonnigen Tage – welch reizender Hintergrund für dieses Bild!