Das Kleid mit dem Halsausschnitt rutschte den Mädchen beim Bücken von der Schulter. Sie brachten es dadurch wieder in die richtige Lage, daß sie die Schulter senkten und schnell hoben. Über die Raupe gebeugt, machte Katja eben diese Bewegung, als ich ihr über die Schulter blickte. Der Wind hob das Busentuch von ihrem weißen Halse. Ich blickte schon nicht mehr auf die Raupe, sondern auf die nur zwei Finger breit von meinen Lippen entfernte nackte Schulter. Ich sah und sah, und preßte dann meine Lippen so heftig darauf, daß Katja zurückwich, und empfand dabei solchen Genuß, daß ich am liebsten nie aufgehört hätte. Katja wandte sich nicht einmal um; aber ich bemerkte, daß nicht nur die Stelle, die ich geküßt, sondern ihr ganzer Hals rot wurde. Wolodja sagte verächtlich, ohne den Kopf zu heben: »Was sind das für Zärtlichkeiten!« und beschäftigte sich weiter mit der Raupe. Mir aber traten vor Lust und Scham Tränen in die Augen.

Dieses Lustgefühl war für mich ganz neu; nur einmal, als ich meinen bloßen Arm betrachtete, hatte ich etwas Ähnliches empfunden.

Obgleich ich mich sehr schämte, verwandte ich von jetzt ab kein Auge von Katja.

Während wir spielten, überredete Mama den Vater, die Trennung bis auf morgen nach dem ersten Frühstück zu verschieben, und davon wurde uns sofort Mitteilung gemacht.

Auf dem Heimweg ritten wir neben dem Jagdwagen. Wolodja und ich suchten uns gegenseitig an Schneidigkeit und Reitkunst zu überbieten und galoppierten um den Wagen herum. Mein Schatten war jetzt länger als vorhin; daraus schloß ich, daß ich einen stattlichen Reiteranblick böte. Das Gefühl der Zufriedenheit, das ich darüber empfand, wurde aber bald durch folgenden Vorfall beeinträchtigt.

In dem Wunsche, alle Insassen des Wagens endgültig für mich einzunehmen, besonders Katja, die zwar selten, aber doch nach mir ausschaute, blieb ich etwas zurück, trieb dann mein Pferdchen mit Gerte und Füßen vorwärts, nahm eine ungezwungen graziöse Haltung an und wollte im Galopp auf der Seite, wo Katja saß, am Wagen vorübersprengen. Ich war nur bezüglich eines Punktes unschlüssig, ob ich nämlich schweigend oder mit Hurrageschrei vorübersprengen sollte.

Als der unausstehliche Gaul aber neben den Wagenpferden war, blieb er trotz all meiner Bemühungen so unerwartet stehen, daß ich vom Sattel auf den Hals flog und fast gefallen wäre. Krebsrot vor Scham suchte ich wieder Haltung anzunehmen und ritt dann, ohne mich weiter umzusehen, hinter den anderen her. Im Augenblick meines Mißgeschicks hatte ich Geschrei, Kreischen und Gelächter aus dem Wagen gehört; und unter den Lachenden war Katja. Deswegen war ich ihr schrecklich böse.

Zu Hause angelangt, ließ Mama Lichter bringen, nahm ein Notenheft und setzte sich ans Klavier. Wolodja, Ljuboschka und Katja liefen in den Saal, um zu spielen; ich kletterte mit den Füßen auf den Großvaterstuhl im Gastzimmer und legte mich hin, um zuzuhören. Katja kam, um mich auch in den Saal zu holen; aber ich war ihr böse und bat sie, mich in Ruhe zu lassen.

11. Die Musik.

Mama spielte leicht und flüchtig mit beiden Händen eine Tonleiter, rückte dann den Klavierbock näher und spielte das graziöse scherzhafte zweite Konzert von Field – ihrem Lehrer.