Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten, schob den Kopf unter dem Kissen hervor und rief mit Tränen in den Augen: »Ach, lassen Sie, Karl Iwanowitsch!«
Er ließ verwundert meine Fußsohlen los und fragte mich besorgt, was mit mir wäre. Ob ich etwas Schlimmes geträumt hätte. Sein braves, deutsches Gesicht, die Teilnahme, mit der er sich bemühte, den Grund meiner Tränen zu erraten, verstärkten meine Rührung. Ich schämte mich; begriff nicht, wie ich eine Minute vorher solch' unschöne Gedanken hatte hegen, seinen Schlafrock, die Zipfelmütze und Troddel hatte widerwärtig finden können. Jetzt erschien mir, im Gegenteil, alles sehr lieb, und sogar die Troddel war mir ein klarer Beweis seiner Güte.
Ich sagte Karl Iwanowitsch, ich hätte geträumt, Mama stürbe. Und als er mich freundlich zu trösten und zu beruhigen suchte, kam es mir vor, als hätte ich wirklich diesen schrecklichen Traum gehabt, obgleich ich entschieden nichts mehr wußte – und meine Tränen flossen nun schon aus einem anderen Grunde.
Karl Iwanowitsch ging ins Klassenzimmer; ich zog schluchzend meine Strümpfe an und dachte über den schrecklichen, erfundenen Traum nach.
Jetzt trat unser Wärter Nikolas ins Zimmer, ein kleines, sauberes, geschorenes Männchen, stets ernst, akkurat, respektvoll und ein großer Freund von Karl Iwanowitsch. Er brachte unsere Kleider und das Schuhzeug: Stiefel für Wolodja, mir einstweilen noch diese dummen Schuhe mit Bändern. In seiner Gegenwart schämte ich mich zu weinen; außerdem schien die Morgensonne lustig ins Fenster, und Wolodja machte am Waschbecken nach, wie sich Marja Iwanowna (die Gouvernante unserer Schwester) wusch und lachte dabei so lustig und laut, daß sogar der ernste Nikolas mit dem Handtuch auf der Schulter, dem Wasserkrug in der einen und der Seife in der anderen Hand losplatzte und dann sagte: »Nun hören Sie auf, Wladimir Petrowitsch; bitte, waschen Sie sich.«
Ich war wieder ganz vergnügt.
Aus dem Klassenzimmer nebenan ertönte Karl Iwanowitschs Stimme, jetzt schon ohne den Ausdruck von Güte, die mich zu Tränen rührte. Er rief vielmehr streng: »Sind Sie bald fertig?«
Im Klassenzimmer war Karl Iwanowitsch ein ganz anderer Mensch: Amtsperson, Erzieher. Ich zog mich schnell an, wusch mich und folgte seinem Ruf, noch mit der Bürste in der Hand, das nasse Haar kämmend.
In demselben Aufzug, die Brille auf der Nase, über die hinweg er Wolodja ansah, der etwas ausgefressen hatte und in der Ecke kniete, saß auf seinem gewöhnlichen Platz, rechts zwischen Tür und Fenster Karl Iwanowitsch. Links von der Tür hingen zwei Bücherborte: das eine unseres, für Kinder; das andere seins, sein Eigentum! Auf unserem befanden sich alle möglichen Bücher: Lehrbücher und andere, gebunden und ungebunden; teils standen, teils lagen sie. Nur zwei große Bände »Histoire des voyages« in rotem Einband standen stets akkurat am Rande; dann kamen lange, dicke, kleine Bücher, Deckel ohne Bücher und umgekehrt – da wurde alles hingestopft und -geworfen, wenn er vor der Erholungspause die »Bibliothek«, wie Karl Iwanowitsch das Bücherbort nannte, in Ordnung bringen hieß. Die Büchersammlung auf seinem eigenen Bort war nicht so groß wie unsere, dafür aber noch mannigfaltiger. Ich erinnere mich an drei Bücher: eine deutsche Broschüre über die Düngung in Kohlgärten – ungebunden; ein Band der Geschichte des Siebenjährigen Krieges, in Pergament, an einer Ecke durchgebrannt; und ein vollständiges Lehrbuch der Hydrostatik. Während seines ganzen fünfzehnjährigen Aufenthaltes in unserem Hause las Karl Iwanowitsch nichts als diese Bücher und die Zeitschrift »Nordische Biene«, verbrachte aber die größere Hälfte des Tages mit Lektüre, so daß er sich die Augen verdarb. Außerdem las er noch die Bibel, aber nur Sonntags. Unter den Gegenständen auf seinem Bücherbort ist mir einer ganz besonders im Gedächtnis geblieben: das war eine Scheibe aus Pappe mit hölzernem Gestell, an dem sich die Scheibe durch Stifte hoch und niedrig stellen ließ. Auf die Scheibe war ein Bild geklebt, die Karikatur einer Dame und eines Friseurs. Karl Iwanowitsch war sehr geschickt im Kleben und hatte diese Scheibe eigenhändig zum Schutz seiner schwachen Augen vor dem Licht verfertigt. Noch jetzt sehe ich die lange Gestalt im wattierten Schlafrock und roter Zipfelmütze, unter der spärliches, graues Haar hervorguckt. Er sitzt am Tisch mit der Friseurpappscheibe; Schatten fällt auf sein Gesicht. In der einen Hand hält er das Buch gegen das Licht, die andere ruht auf der Sessellehne. Neben ihm liegt die Uhr mit einem Jäger auf dem Zifferblatt, sein gewürfeltes Schnupftuch, die schwarze, runde Tabaksdose, ein grünes Brillenfutteral, die Lichtschere auf dem Untersatz: alles liegt so akkurat und symmetrisch auf seinem Platz, daß man schon daraus auf das reine Gewissen und den Seelenfrieden dieses Mannes schließen kann.