Wenn ich unten im Saal genug herumgetollt hatte, schlich ich wohl auf Zehenspitzen oben ins Klassenzimmer und sah, wie Karl Iwanowitsch allein in seinem Lehnstuhl saß und mit dem gewöhnlichen wichtigen Ausdruck las. Bisweilen traf ich ihn nicht lesend: die Brille auf die große Adlernase heruntergerutscht, die blauen, halbgeschlossenen Augen mit sonderbarem Ausdruck über das Buch hinwegblickend und die Lippen zu einem traurigen Lächeln verzogen. Im Zimmer herrschte Stille; nur sein gleichmäßiges Atmen war zu hören und das Ticken der Jägeruhr. Da wurde einem traurig zumute.

Oft, wenn er mich nicht bemerkte, stand ich da und dachte: armer, armer Karl Iwanowitsch. Wir unten spielen – wir sind viele, sind vergnügt; er aber ist unglücklich und ganz allein, und niemand hat ihn lieb. Er sagt mit Recht, daß er verwaist ist. Wie schrecklich ist seine Lebensgeschichte, die er Nikolas einmal erzählt hat … Schrecklich ist seine Lage! Er tut einem so leid, daß man bisweilen hingeht, ihn bei der Hand faßt und sagt: »lieber Karl Iwanowitsch!« Er hatte es gern, wenn man so zu ihm sprach, streichelte mich stets und war augenscheinlich gerührt. Ich benutzte die Gelegenheit und bat ihn dann schnell, mir ein Hasen- oder Nonnenschattenbild an der Wand zu zeigen oder eine Maus aus dem Schnupftuch zu machen.

An der anderen Wand hingen Landkarten, fast sämtlich zerrissen, aber von Karl Iwanowitsch kunstgerecht wieder zusammengeklebt. Trotzdem sah Europa Gott weiß welchem Ungeheuer ähnlich.

An der dritten Wand, in deren Mitte die Tür nach unten führte, hingen auf der einen Seite zwei Lineale: eins zerschnitten für unseren Gebrauch, das andere, neue, sein Eigentum, wurde mehr zu unserer Aufmunterung als zum Liniieren gebraucht. Auf der anderen Seite eine schwarze Tafel, auf der mit Nullen unsere großen und mit Kreuzen die kleinen Sünden vermerkt wurden. Links vor der Tafel beim Ofen war die Ecke, in der wir niederknien mußten und in der gegenwärtig Wolodja kniete.

Als ich eintrat, blickte er Karl Iwanowitsch an, der aber die Augen nicht aufschlug. Da setzte Wolodja sich auf die Knie, schnitt mir eine furchtbar komische Grimasse und hielt sich die Nase zu, um nicht loszuplatzen. Aber das nützte nichts, er prustete dennoch, während Karl Iwanowitsch ins Schlafzimmer ging, um sich anzukleiden.

Wie genau ich mich an diese Ecke erinnere! Ich weiß noch die Ofenklappe, das Luftloch darin, das Sausen, wenn man die Klappe aufzog. Bisweilen kniete und kniete ich da in der Ecke und dachte: Karl Iwanowitsch hat dich vergessen; sah mich um, aber da saß er immer noch in derselben Haltung, las seine Geschichte des Siebenjährigen Krieges oder die Hydrostatik. Für ihn vielleicht ganz gemütlich; an mich aber denkt er nicht! Da fängt man denn an, um sich bemerkbar zu machen, leise die Ofenklappe zu öffnen und zu schließen, oder Kalk von der Wand zu kratzen; wenn man aber schließlich ein zu großes Stück lockert und dieses mit Gepolter auf den Boden fällt – dann ist wahrhaftig die Angst schlimmer als jede Strafe; man sieht sich um – er sitzt immer noch in derselben Haltung.

Die letzte Wand nahmen drei Fenster ein. Mitten im Zimmer stand ein Tisch mit zerrissenem schwarzen Wachstuch, unter dem an vielen Stellen die mit dem Federmesser zerschnittenen Tischecken hervorguckten. Ringsum ungestrichene, vom langen Gebrauch aber glänzend blank gewordene, harte Sitzböcke.

Als Karl Iwanowitsch hinausgegangen war, ging ich zu Wolodja und fragte: »warum?«

»Ach, Dummheit,« meinte er nachlässig, »weil ich mich zum Fenster hinausgelehnt habe, um Akim zu sehen (Akim war unser halbverrückter Gärtner) und nicht bemerkt habe, daß er da seine dummen Schachteln zum Trocknen aufgestellt hatte; da habe ich aus Versehen eine zerdrückt.«

»Welche denn?« fragte ich.