Das Fahren mit Postpferden war nämlich einer unserer stolzesten sehnlichsten Wünsche, dessen Erfüllung mich fast davon überzeugte, daß wir erwachsen wären.

»Wem soll ich das Verzeichnis der Kinderwäsche geben?« fragte Natalie mit verweinten Augen, indem sie auf Mama zutrat.

»Geben Sie es Nikolas,« sagte Mama, »und kommen Sie nachher, um von den Kindern Abschied zu nehmen.«

Die Alte wollte etwas erwidern, stockte aber plötzlich, bedeckte das Gesicht mit dem Taschentuch und verließ mit einer abwehrenden Handbewegung das Zimmer. In meinem Herzen rührte sich etwas, als ich diese Bewegung sah, aber meine Ungeduld war stärker als dieses Gefühl des Mitleids, und so hörte ich weiter gleichgültig die Unterhaltung zwischen Papa und Mama an. Sie sprachen von Dingen, die offenbar beide nicht besonders interessierten: was für den Haushalt einzukaufen wäre, was man der Fürstin Sophie und Madame Julie sagen sollte und ob der Weg gut wäre. Über die Trennung fiel kein Wort.

Foka erschien, blieb in der Tür stehen und sagte im selben Tonfall, in dem er zu melden pflegte: »Das Essen ist angerichtet« – »Die Wagen sind vorgefahren.« Ich bemerkte, daß Mama bei dieser Meldung zusammenfuhr als käme sie ihr unerwartet, und blaß wurde.

Jetzt mußte Foka alle ins Zimmer führen und dann die Türen schließen, was mich sehr amüsierte und wunderte. Es war, als ob alle sich vor jemandem versteckten.

Jetzt ließ Foka sich auf eine Stuhlecke fallen. Aber kaum war das geschehen, da knarrte die Tür, alle setzten sich nun, und, mit dem Schnupftuch in der Hand, trat Natalie Sawischna hastig ins Zimmer und ließ sich auf demselben Stuhl mit Foka dicht an der Tür nieder. Noch jetzt sehe ich den Glatzkopf und das unbewegliche Runzelgesicht Fokas neben der gebeugten braven Alten im Häubchen, unter dem sich graues Haar hervorstahl. Sie drückten sich auf demselben Stuhl herum, und es war beiden ungemütlich.

Ich blieb nach wie vor unbekümmert und ungeduldig; die zehn Sekunden, die wir bei geschlossenen Türen saßen, kamen mir wie eine Stunde vor. Endlich erhob sich alles, bekreuzigte sich und fing an, Abschied zu nehmen. Papa umarmte Mama und küßte sie mehrmals auf die Lippen. Das wiederholten beide so oft, daß es mir komisch vorkam, und ich dachte, wann das alles wohl ein Ende nehmen würde.

»Genug, mein Liebling,« sagte Papa, »wir trennen uns ja nicht auf immer.«

»Es ist aber doch schwer,« erwiderte Mama, wobei ihre Stimme vor Tränen zitterte.