Sie lächelt auf ihre traurige bezaubernde Art, nimmt meinen Kopf, küßt mich auf die Stirn, die Nase und die Augen und setzt mich auf ihren Schoß.

»Also du hast mich sehr lieb?« Sie schweigt einen Augenblick und sagt dann: »Hörst du, hab mich stets lieb und vergiß mich nicht. Wenn deine Mutter nicht mehr da ist, mußt du sie nie vergessen! Hörst du: nie, Nikolas.«

Und sie küßt mich noch zärtlicher.

»Hör auf, sag das nicht, liebste beste Mutter!« rufe ich, ihre Knie küssend, und dabei stürzen Tränen aus meinen Augen, Tränen der Liebe und des Entzückens.

Kommt man dann nach oben und steht in seinem wattierten Schlafrock vor dem Heiligenbild, welch wunderbares Gefühl empfindet man dann bei den Worten: »Lieber Gott, beschütze meine Eltern, Papa, Mama und Großmama, den Lehrer Karl Iwanowitsch, meinen Bruder Wolodja und meine Schwester Ljubotschka.«

Wenn ich diese Worte sprach, die meine Lippen zuerst der lieben Mutter nachstammelten, floß die Liebe zu Gott und den Eltern sonderbar in ein Gefühl zusammen. Ich wußte und fühlte, daß Gott groß, gerecht und gut sei; ich war überzeugt, daß all meine Bitten erfüllt, alle Vergehen bestraft würden, daß ich ihm für alles, alles dankbar sein müsse und daß er mich nie verlassen würde.

Kein Zweifel störte damals meine Ruhe.

Nach dem Gebet wickelte ich mich, leicht und fröhlich ums Herz, in meine Decke ein. Ein schöner Traum folgte dem anderen; aber was hatten sie zum Gegenstande? Flüchtige Dinge, dabei war ich erfüllt von Hoffnung auf helles Glück und reine Liebe. Dann fiel mir wohl Karl Iwanowitsch mit seinem traurigen Schicksal ein, der einzige Mensch, den ich für unglücklich hielt. Er tat mir so leid und ich empfand so viel Liebe für ihn, daß mir Tränen in die Augen traten und ich wünschte, Gott möge ihn glücklich machen und es mir ermöglichen, ihm meine Liebe zu zeigen – ich wollte gern alles für ihn opfern. Dann stopfte ich mein liebstes Spielzeug, ein Häschen oder Hündchen aus Porzellan, in eine Ecke des Federkissens und freute mich, wie gut, warm und behaglich es dort liegen könne. Dann bat ich noch den lieben Gott, allen Glück und Zufriedenheit zu geben und morgen zum Spazierengehen schönes Wetter zu machen, legte mich auf die andere Seite, Gedanken und Träume vermischten sich, und ich schlief leise und sanft mit tränenfeuchtem Gesicht ein.

Werden sie je wiederkehren, die Frische, Sorglosigkeit und Glaubensstärke, die ich unbewußt in der Kindheit besaß? Welch schönere Zeit kann es geben, als die, in der die zwei höchsten Tugenden: unschuldige Heiterkeit und ein unendliches Bedürfnis zu lieben, die Haupttriebfedern im Leben waren. Wo sind die gläubigen Gebete geblieben? wo die schönste Gabe: reine Tränen der Rührung? Kam ein tröstender Engel geflogen, trocknete lächelnd diese Tränen und hauchte der reinen Phantasie des Kindes süße Träume ein? Hat das Leben wirklich so schwere Spuren in meinem Herzen hinterlassen, daß dieses Entzücken und diese Tränen auf ewig verschwunden und nur Erinnerungen geblieben sind?

18. Verse.