Mit schlafbeschwerten Augen blicke ich unverwandt in ihr Gesicht, und plötzlich kommt es mir vor, als würde sie ganz, ganz klein, ihr Gesicht nicht größer als ein Knopf, aber dabei sehe ich alles ganz deutlich, wie sie mich ansieht und lächelt. Ich habe es gern, daß sie so klein ist. Ich schließe die Augen noch mehr, und nun wird sie so klein, wie Jungen im Augapfel; aber dann bewege ich mich und das Zauberbild verschwindet. Ich mache die Augen kleiner, drehe mich hin und her, bemühe mich, das Bild wieder hervorzuzaubern, aber es ist umsonst. Ich stehe auf, schlage die Beine unter und lege mich bequem in den großen Lehnstuhl.

»Du schläfst wieder ein, Nikolas; solltest nach oben gehen,« sagt Mama.

»Ich will nicht schlafen,« erwidere ich, und undeutliche aber süße Träume erfüllen die Phantasie. Ein gesunder Kinderschlaf schließt die Augen, und eine Minute später ist man bewußtlos und schläft, bis man aufgeweckt wird.

Bisweilen fühlt man im Halbschlaf die Berührung einer zarten Hand; an der Berührung schon erkennt man sie und ergreift sie noch im Schlaf dicht vor dem Gesicht und preßt sie fest, fest gegen die Lippen.

Alle sind bereits fortgegangen; im Gastzimmer brennt nur noch ein Licht. Mama hat gesagt, sie würde mich wecken. Dann kommt sie, setzt sich auf den Lehnstuhl, auf dem ich schlafe, fährt mit ihrer wunderbar zarten Hand über mein Haar und flüstert mit der lieben bekannten Stimme dicht an meinem Ohr: »Steh auf, mein Liebling, es ist Zeit zu Bett zu gehen.« Kein gleichgültiger Blick stört sie, ungescheut gießt sie all ihre Zärtlichkeit und Liebe über mich aus.

Ich rühre mich nicht, presse aber ihre Hand noch stärker an meine Lippen.

»Steh doch auf, mein Engel!«

Mit der anderen Hand umfaßt sie meinen Hals, und ihre kleinen Finger bewegen sich und kitzeln mich.

Im Zimmer ist es still, halbdunkel; durch das Kitzeln und Erwachen sind meine Nerven erregt; Mama sitzt dicht neben mir, berührt mich, ich spüre ihren Duft und ihre Stimme. Das alles veranlaßt mich, aufzuspringen, meine Arme um ihren Hals zu schlingen, den Kopf gegen ihre Brust zu legen und atemlos zu rufen: »Ach liebe, liebe Mutter, wie habe ich dich lieb!«