Glaub nicht, was ich Dir hier schreibe, seien Fieberphantasien einer Kranken; im Gegenteil: meine Gedanken sind in diesem Augenblick außerordentlich klar und ich bin ganz ruhig. Gib Dich nicht der Hoffnung hin, ich hätte mich geirrt, es seien trügerische unklare Vorgefühle einer ängstlichen Seele. Nein, ich fühle, ich weiß – weiß es deshalb, weil es Gott gefallen hat, mir alles zu offenbaren – daß ich nicht mehr lange zu leben habe.
Ob meine Liebe zu Dir und den Kindern mit dem Tode endet? Das sind Zweifel, die mich stets gequält haben; jetzt aber weiß ich bestimmt, daß das unmöglich ist. Ich fühle in diesem Augenblick meine Liebe zu Euch zu deutlich, um glauben zu können, daß das Gefühl, ohne das ich meine Existenz nicht begreife, jemals aufhören könnte. Meine Seele kann ohne die Liebe zu Euch nicht existieren; ich weiß aber, daß sie schon deswegen ewig bestehen wird, weil solch ein Gefühl wie meine Liebe nicht entstehen könnte, wenn sie jemals aufhören müßte. Jetzt bin ich fest überzeugt, daß, wenn ich nicht mehr bei Euch bin, meine Liebe doch niemals aufhört und Euch nicht verläßt. Dieser Gedanke ist so tröstlich für mein Herz, daß ich ruhig und ohne Furcht das Nahen des Todes erwarte. Ich bin ruhig; Gott weiß, daß ich den Tod stets als Übergang zu einem besseren Leben betrachtet habe; aber warum drohen Tränen mich zu ersticken? Warum werden die Kinder der geliebten Mutter beraubt? Warum wird Dir ein so schrecklicher, unerwarteter Schlag versetzt? Warum muß ich sterben, obgleich die Liebe mein Leben so unendlich glücklich gemacht hat? Warum? … Sein heiliger Wille geschehe!
Ich kann vor Tränen nicht weiterschreiben. Vielleicht sehe ich Dich nicht mehr; also danke ich Dir, mein teurer Freund, für alles Glück, daß Du mir in diesem Leben gegeben hast; ich werde dort Gott bitten, daß Er Dich belohnt. Leb wohl, lieber Freund, denk daran, daß, obgleich ich nicht mehr bin, meine Liebe zu Dir Dich nie und nirgends verläßt.
Leb wohl, Wolodja; leb wohl, mein Engel; leb wohl mein Benjamin, Nikolas! Werden die Kinder mich wirklich je vergessen?!« –
In diesem Brief lag ein gewandter und gefühlvoller Brief Mimis folgenden Inhalts:
»Les tristes sentiments dont elle vous parle ne sont que trop appuyés par les paroles du docteur. Hier dans la nuit elle a demandé qu'on envoie tout de suite cette lettre à la poste. Croyant que dans ce moment elle était en délire, j'ai attendu jusqu'à ce matin et j'ai osé la décacheter. A peine l'avais-je expédiée que Natalja Nikolajewna me demanda ce que j'avais fait de la lettre, et m'ordonna de la brûler, si elle n'était pas partie. Elle ne cesse d'en parier, même en délire et prétend que cette lettre doit vous tuer.
Ne mettez donc pas de retard à votre voyage, si vous voulez voir cet ange, avant qu'il vous quitte.
Excusez ce griffonage, je n'ai pas dormi trois nuits. Vous savez si je l'aime!«[2]
Natalie Sawischna, die vom 11. April die ganze Nacht in Mamas Schlafzimmer verbracht hatte, erzählte mir, Mama hätte nach Beendigung des ersten Teiles den Brief neben sich auf den Nachttisch gelegt und sei eingeschlafen. »Ich selbst,« sagte Natalie Sawischna, »nickte im Lehnstuhl ein, und der Strickstrumpf fiel mir aus der Hand. Da höre ich im Schlaf – es war so um ein Uhr – daß sie mit jemandem spricht. Ich öffne die Augen und sehe, daß mein Täubchen im Bett sitzt, hat die Hände gefaltet und Tränen fließen in Strömen aus ihren Augen. ›Also ist alles zu Ende,‹ sagt sie und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen.