Die Totenmesse war zu Ende; das Gesicht der Verstorbenen wurde enthüllt, und alle Anwesenden, mit Ausnahme von uns, traten nacheinander an den Sarg, um ihn zu küssen.
Als eine der letzten trat eine Bäuerin mit einem hübschen fünfjährigen Mädchen auf dem Arm heran, das sie, Gott weiß warum, mitgebracht hatte. In diesem Augenblick ließ ich unversehens mein feuchtes Taschentuch fallen und wollte es aufheben. Kaum hatte ich mich gebückt, da drang ein sonderbarer, durchdringender Schrei an mein Ohr, ein Schrei, der solch fürchterliches Entsetzen ausdrückte, daß, wenn ich hundert Jahre alt würde, ich ihn nie vergäße, und wenn ich daran denke, mir stets kalte Schauer durch den Körper rinnen. Ich richtete mich auf – auf einem Schemel neben dem Sarg stand jene Bäuerin und konnte das kleine Mädchen kaum auf den Armen halten; mit den Händen abwehrend und das schreckensstarre Gesichtchen zurückgeworfen, hatte die Kleine ihre Augen auf das Antlitz der Toten gerichtet und schrie mit entsetzlicher, unnatürlicher Stimme. Da stieß ich einen wahrscheinlich noch schrecklicheren Schrei aus und lief aus dem Zimmer.
Erst in diesem Augenblick begriff ich, woher der beklemmend starke Geruch kam, der mit Weihrauchduft vermischt, das Zimmer erfüllte. Der Gedanke, daß das vor einigen Tagen noch so schöne, zarte, von mir über alles in der Welt geliebte Gesicht Abscheu und Schrecken einflößen konnte, hatte mir zum erstenmal eine bittere Wahrheit enthüllt und meine Seele mit Verzweiflung erfüllt.
30. Weitere, die letzten traurigen Erinnerungen.
Mama war nicht mehr; unser Leben aber ging ganz den alten Gang. Wir gingen zu Bett und standen auf um dieselbe Zeit und in denselben Zimmern; Morgentee, Abendtee, Mittagessen, Abendessen – alles zur gewohnten Zeit; Tische und Stühle standen auf demselben Fleck, nichts im Hause, nichts an unserer Lebensweise hatte sich geändert; nur sie war nicht mehr.
Mir schien aber, nach einem solchen Unglück müßte alles neue Form annehmen; unsere gewöhnliche Lebenseinteilung kam mir wie eine Beleidigung ihres Andenkens vor und erinnerte zu sehr an ihr Fehlen. Jetzt liebe ich diese traurigen Erinnerungen; damals fürchtete ich sie und suchte sie fernzuhalten.
Am Tage vor der Beerdigung wollte ich nach dem Mittagessen schlafen und ging in Natalie Sawischnas Zimmer; dort wollte ich auf ihrem Bett, auf dem weichen Daunenkissen unter der warmen Steppdecke ruhen. Als ich eintrat, lag sie selbst auf dem Bett und schlief. Beim Geräusch meiner Schritte erhob sie sich, warf die Wolldecke, mit der der Kopf zum Schutz vor den Fliegen bedeckt war, zurück und setzte sich, die Haube zurechtrückend und die Augen reibend, auf den Bettrand.
Da ich schon früher ziemlich häufig nach dem Essen in ihr Zimmer gekommen war, um zu schlafen, erriet sie meine Absicht und sagte, sich vom Bettrand erhebend: »Sie wollten sicher etwas ruhen, Liebling. Legen Sie sich nur hin.«
»Was fällt Ihnen ein, Natalie,« sagte ich und faßte sie an der Hand, »ich denke nicht daran … bin nur so gekommen; Sie sind selbst müde, legen Sie sich lieber hin.«