»Nein, Freundchen, ich habe schon ausgeschlafen,« sagte sie – dabei wußte ich, daß sie drei Tage und Nächte nicht geschlafen hatte. »Mir ist auch jetzt nicht nach Schlafen zumute,« schloß sie mit einem tiefen Seufzer.
Ich hatte den Wunsch, mit Natalie Sawischna über unser Unglück zu sprechen; ich kannte ihre aufrichtige Liebe; deswegen war das Weinen mit ihr für mich ein Trost.
»Natalie Sawischna,« sagte ich nach kurzem Schweigen und setzte mich auf das Bett, »hatten Sie das erwartet?«
Die Alte sah mich verständnislos und neugierig an; wahrscheinlich begriff sie nicht, weshalb ich sie danach fragte.
»Wer hätte das erwartet,« wiederholte ich.
»Ach, mein Kind,« sagte sie mit einem Blick zärtlichsten Mitgefühls, »nicht erwartet – ich kann auch jetzt noch nicht daran denken. Was mich alte Frau betrifft, wäre es längst an der Zeit, die müden Knochen zur Ruhe zu bringen, denn was habe ich nicht schon erlebt! Den alten Herrn, Ihren Großvater, Gott hab ihn selig, den Fürsten Nikolai Michailowitsch, zwei Brüder, meine Schwester Anuschka – alle habe ich begraben, und alle waren jünger als ich, mein Freund. Jetzt aber muß ich, offenbar meiner Sünden wegen, auch noch sie überleben! Es war Sein heiliger Wille! Er hat sie zu sich genommen, weil sie würdig war und weil Er auch im Jenseits Gute braucht.«
Dieser einfache Gedanke tröstete mich; ich rückte näher an Natalie Sawischna heran. Sie faltete die Hände auf der Brust und blickte aufwärts; ihre eingefallenen feuchten Augen drückten tiefe, aber ruhige Trauer aus. Ihre feste Hoffnung war, Gott würde sie nicht allzulange von der trennen, auf die sie so viele Jahre die ganze Kraft ihrer Liebe verwandt hatte.
»Ja, mein Liebling, es ist wohl schon lange her, daß ich sie gewiegt, in Windeln gewickelt habe und daß sie mich ›Nascha‹ nannte. Wie oft kam sie zu mir gelaufen, schlang ihre Arme um mich und plapperte unter Küssen: ›Mein Naschachen, meine Süße, was bist du für eine Pute!‹ Ich machte bisweilen Scherz und sagte: ›Nicht wahr, Liebling; du liebst mich gar nicht; werde nur erst groß, dann heiratest du und vergißt deine Nascha.‹ Dann dachte sie wohl nach: ›Nein,‹ meinte sie, ›ich will lieber nicht heiraten, wenn ich Nascha nicht mitnehmen kann; Nascha werde ich nie verlassen.‹ Nun hat sie es dennoch getan und hat nicht auf mich gewartet. Und wie hat sie mich geliebt, die Verstorbene! Wen hat sie überhaupt nicht geliebt? Ja, Liebling, Ihre Mutter dürfen Sie nicht vergessen; sie war kein Mensch, sondern ein Engel vom Himmel. Wenn ihre Seele im Himmelreich angekommen sein wird, wird sie euch auch dort lieben und sich über euch freuen.«
»Warum sagen Sie: wenn sie angekommen sein wird, Natalie Sawischna? Ich denke, sie ist jetzt schon da.«