Als ich die Allee, über die wir gingen, hinuntersah, war es mir, als sei es unmöglich, noch weiter zu gehen, als habe die Welt des Möglichen dort ihr Ende, als müsse dies alles für immer in seiner Schönheit erstarren. Aber wir gingen weiter, und die Zauberwand der Schönheit öffnete sich vor uns und ließ uns ein, und auch dort schien unser alter Garten mit seinen Bäumen, Wegen und trockenem Laub zu liegen. Es war, als ob wir über die Wege gingen, mit den Füßen auf die Licht- und Schattenseite träten, als raschelte das welke Laub unter meinem Fuße und als streifte ein frischer Zweig mein Gesicht. Es war, als ob er es wäre, der gleichmäßig und langsam neben mir gehend, behutsam meinen Arm hielt; als ob es wirklich Katja wäre, unter deren Schritten neben uns der Sand knirschte. Es war wohl auch wirklich der Mond am Himmel, der auf uns durch die regungslosen Zweige herabschien …
Aber mit jedem Schritt schloß sich die Zauberwand wieder vor uns und hinter uns, und ich hörte zu glauben auf, daß es möglich sei, noch weiter zu gehen, und ich glaubte nicht mehr an das, was war.
»Ach! Ein Frosch!« rief Katja.
– Wer sagt das und warum sagt er das? – dachte ich mir. Aber später begriff ich, daß es Katja sei, daß sie sich vor den Fröschen fürchtete, und ich blickte vor meine Füße. Ein kleiner Frosch hüpfte und blieb dann unbeweglich vor mir sitzen, und sein kleiner Schatten zeichnete sich auf dem hellen, lehmigen Wege ab.
»Und Sie fürchten sich gar nicht?« fragte er.
Ich sah ihn an. Dort, wo wir eben gingen, fehlte in der Allee eine Linde, und ich konnte sein Gesicht deutlich sehen. Es war so schön und so glücklich …
Er hatte gesagt: »Sie fürchten sich gar nicht?« aber ich hörte ihn sagen: – Ich liebe dich, mein liebes Mädchen! – Ich liebe, ich liebe dich! – sagten sein Blick und sein Arm; auch Licht und Schatten und die Luft sagten dasselbe.
Wir umwanderten den ganzen Garten. Katja ging neben uns mit ihren kleinen Schritten und atmete schwer vor Müdigkeit. Sie sagte, daß es Zeit sei, umzukehren, und die Ärmste tat mir so furchtbar leid. – Warum fühlt sie nicht dasselbe wie wir? fragte ich mich. – Warum sind nicht alle so jung und so glücklich wie diese Nacht, wie wir beide?
Wir kehrten ins Haus zurück, aber er blieb noch lange bei uns, obwohl die Hähne schon gekräht hatten, obwohl alle im Hause schliefen und sein Pferd vor dem Fenster immer ungeduldiger schnaubte und mit den Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Katja sagte uns nicht, daß es schon spät sei, und so blieben wir, von den gleichgültigsten Dingen sprechend, ohne es selbst zu merken bis zur dritten Morgenstunde auf. Die Hähne krähten schon zum drittenmal, und der Morgen dämmerte, als er uns verließ. Er verabschiedete sich ganz wie sonst und sagte nichts Außergewöhnliches; aber ich wußte, daß er von diesem Tage an mir gehörte, und daß ich ihn nie wieder verlieren würde. Sobald ich mir eingestanden hatte, daß ich ihn liebe, erzählte ich alles Katja. Sie war sehr erfreut und gerührt, weil ich es ihr erzählte, aber die Ärmste konnte diese ganze Nacht nicht einschlafen. Ich ging noch lange auf der Terrasse auf und ab, stieg in den Garten hinunter, wandelte durch die gleichen Alleen, durch die wir früher gewandelt, und suchte mich jedes seiner Worte, jeder seiner Bewegungen zu entsinnen. Ich schlief diese ganze Nacht nicht und sah zum erstenmal in meinem Leben den Sonnenaufgang und den frühen Morgen. Eine solche Nacht und einen solchen Morgen habe ich später nie wieder erlebt. – Aber warum sagt er mir nicht ganz einfach, daß er mich liebt? – dachte ich. – Warum erfindet er allerlei Schwierigkeiten, warum nennt er sich einen alten Mann, während alles doch so einfach und so herrlich ist? Warum verliert er die goldene Zeit, die vielleicht niemals wiederkehrt? Mag er doch nur einmal sagen: »ich liebe dich!«, mag er es mir nur einmal mit Worten sagen, mag er meine Hand in die seine nehmen, seinen Kopf über sie beugen und sagen: »ich liebe dich«. Mag er erröten und die Augen vor mir niederschlagen, und dann will ich ihm auch alles sagen. Ich werde es ihm nicht einmal sagen, ich werde ihn umarmen, mich an ihn schmiegen und zu weinen anfangen. – Aber wenn ich mich täusche, wenn er mich gar nicht liebt? – ging es mir plötzlich durch den Kopf.
Ich erschrak vor meinem Gefühl, – Gott weiß, wohin es mich hätte führen können; ich erinnerte mich seiner und meiner Verwirrung im Gewächshaus, als ich plötzlich zu ihm hinuntersprang, und es wurde mir so schwer, so schwer ums Herz. Tränen stürzten mir aus den Augen, und ich begann zu beten. Und mir kam ein seltsamer Gedanke, der mich beruhigte, und eine neue Hoffnung erfüllte mich. Ich entschloß mich, gleich vom nächsten Morgen an zu fasten, an meinem Geburtstage zu beichten und zu kommunizieren und am gleichen Tage seine Braut zu werden.