Im großen, hohen Salon brannten nur die beiden Kerzen auf dem Klavier, der übrige Raum war halbfinster. Durch die offenen Fenster blickte die helle Sommernacht herein. Alles war still, wir hörten nur hin und wieder, wie Katja im dunklen Wohnzimmer auf und ab ging und wie sein unter einem der Fenster angebundenes Pferd schnaubte und mit den Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Er saß hinter mir, so daß ich ihn nicht sehen konnte; aber ich fühlte überall – im Halbdunkel dieses Zimmers, in den Tönen, in mir selbst – seine Gegenwart. Ich spürte in meinem Herzen jeden seiner Blicke, jede seiner Bewegungen, die ich nicht sehen konnte. Ich spielte die Fantasie-Sonate von Mozart, die er mir gebracht und die ich in seinem Beisein und für ihn einstudiert hatte. Ich dachte gar nicht daran, was ich spielte, aber ich glaube, daß ich gut spielte, und es schien mir, daß es ihm gefiel. Ich hatte den gleichen Genuß, den er empfand und fühlte auch, ohne ihn anzusehen, seinen Blick, der auf meinem Rücken ruhte. Ich sah mich ganz unwillkürlich nach ihm um, während meine Finger bewußtlos über die Tasten liefen. Sein Kopf hob sich vom leuchtenden Hintergrunde des nächtlichen Himmels ab. Er saß, den Kopf in die Hände gestützt, und sah mich unverwandt mit glänzenden Augen an. Ich lächelte, als ich den Blick bemerkte, und hörte zu spielen auf. Auch er lächelte und wies vorwurfsvoll mit dem Kopf auf die Noten, damit ich weiter spiele. Als ich fertig war, leuchtete der Mond, der nun hoch am Himmel stand, ins Zimmer herein, und außer dem schwachen Scheine der Kerzen, war der Raum auch noch von einem anderen silbernen Lichte erfüllt, das durch die Fenster eindrang und sich auf den Boden legte. Katja sagte, es sei ganz unerhört, daß ich gerade an der schönsten Stelle aufgehört, und daß ich schlecht gespielt hätte; er aber meinte, ich hätte noch nie so gut gespielt wie heute; und er fing an, auf und ab zu gehen, – durch den Saal ins dunkle Wohnzimmer und dann wieder durch den Saal, und sooft er an mir vorüberging, lächelte er mir zu. Auch ich lächelte und hatte sogar Lust, ohne jeden Grund zu lachen: so froh war ich über etwas, was sich heute, soeben ereignet hatte. Sooft er in der Tür verschwand, umarmte ich Katja, mit der ich am Klavier stand und küßte sie auf meine Lieblingsstelle – den vollen Hals unter dem Kinn; sobald er aber wiederkam, machte ich ein ernstes Gesicht und hielt mit Mühe das Lachen zurück.
»Was ist mit ihr heute auf einmal los?« fragte ihn Katja.
Er antwortete aber nicht und sah mich nur lächelnd an: er wußte, was mit mir los war.
»Sehen Sie nur, welch eine Nacht!« rief er aus dem Wohnzimmer, vor der offenen, auf den Garten hinausgehenden Balkontüre stehen bleibend.
Wir gingen zu ihm; es war in der Tat eine Nacht, wie ich sie später nie wieder gesehen habe. Der Vollmond stand hinter uns über dem Hause, so daß wir ihn nicht sehen konnten, und der halbe Schatten des Daches, der Säulen und der Markise lag schräg und verkürzt auf dem sandbestreuten Gartenwege und auf dem runden Rasenplatze. Alles übrige war hell und von Tau und Mondlicht versilbert. Der breite, mit Blumen eingefaßte Weg, auf den von der einen Seite die schrägen Schatten der Georginen und ihrer Stäbe fielen, zog sich, ganz hell und kalt, durch den Nebel in die Ferne hin, und der Schotter, mit dem er bestreut war, glänzte. Hinter den Bäumen leuchtete das Dach des Gewächshauses hervor, und aus der Schlucht stieg Nebel auf. Die schon ein wenig entblößten Fliedersträuche waren bis zu den Ästen durchleuchtet. Alle vom Tau befeuchteten Blumen waren deutlich voneinander zu unterscheiden. In den Alleen hatten sich Licht und Schatten so innig miteinander vermischt, daß die Alleen nicht mehr als von Bäumen eingefaßte Wege, sondern als durchsichtige, schwankende und zitternde Gebäude erschienen. Rechts, im Schatten des Hauses war alles schwarz, unbestimmt und unheimlich. Dafür ragte aus diesem Dunkel noch heller der phantastische Wipfel der Pappel hervor, die so seltsam in der Nähe des Hauses, oben im hellen Lichte unbeweglich zu schweben schien, statt in den fernen bläulichen Himmel emporzufliegen.
»Wollen wir etwas gehen,« sagte ich.
Katja war einverstanden, meinte aber, daß ich meine Galoschen anziehen müßte.
»Es ist nicht nötig, Katja,« sagte ich, »Ssergej Michailytsch wird mir ja den Arm geben.«
Als ob mich das hinderte, nasse Füße zu bekommen! Aber damals kam es uns allen dreien ganz natürlich und gar nicht sonderbar vor. Er hatte mir noch niemals den Arm gegeben, doch diesmal nahm ich ihn selbst, und er fand auch das gar nicht sonderbar. Zu dritt gingen wir die Terrasse hinab. Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser Garten, diese Luft waren nicht mehr dieselben, die ich kannte.