Katja war eine alte Freundin unseres Hauses, unsere Gouvernante, die uns alle großgezogen hatte, und die ich kannte und liebte, seit ich mich meiner überhaupt erinnere. Ssonja war meine jüngere Schwester. Wir verlebten einen düsteren und traurigen Winter in unserem alten Hause zu Pokrowskoje. Das Wetter war kalt, und der Wind hatte die Schneewehen bis über die Fensterhöhe herangefegt; die Fenster waren immer vereist und undurchsichtig, und wir gingen und fuhren fast den ganzen Winter nicht aus. Nur selten kam jemand zu uns, und wenn auch jemand kam, so brachte er uns weder Fröhlichkeit noch Freude ins Haus. Alle hatten traurige Mienen, alle sprachen so leise, als fürchteten sie, jemand zu wecken, niemand lachte, alle seufzten und weinten oft, wenn sie mich und besonders die kleine Ssonja in ihrem schwarzen Kleidchen ansahen. Im Hause ließ sich noch die Gegenwart des Todes spüren; Trauer und Todesgrauen erfüllten die Luft. Mamas Zimmer war geschlossen, und es war mir unheimlich zumute, und ich fühlte mich zugleich hingezogen, in dieses kalte und leere Zimmer hineinzublicken, sooft ich auf dem Wege nach meinem Schlafzimmer vorbeimußte.
Ich war damals siebzehn Jahre alt, und Mama hatte noch im gleichen Jahre, als sie starb, die Absicht gehabt, in die Stadt zu übersiedeln, um mich in die Gesellschaft einzuführen. Der Verlust meiner Mutter bedeutete für mich einen schweren Kummer, aber zu diesem Gefühl gesellte sich, ich muß es gestehen, auch noch der Gram darüber, daß ich, die ich, wie mir alle sagten, jung und hübsch war, schon den zweiten Winter in der ländlichen Einöde nutzlos verbringen mußte. Kurz vor dem Ende des Winters steigerte sich das Gefühl der Trauer, der Einsamkeit und auch der gewöhnlichen Langweile dermaßen, daß ich mein Zimmer nicht mehr verließ, mein Klavier nicht mehr öffnete und kein Buch in die Hand nahm. Wenn Katja mir zuredete, ich solle das eine oder andere beginnen, so antwortete ich ihr: »Ich habe keine Lust, ich kann nicht!« In meinem Herzen regte sich aber die Frage: – Wozu? Warum soll ich etwas beginnen, wenn meine beste Zeit unnütz dahingeht? Wozu? – Und auf dieses »Wozu« gab es keine andere Antwort als Tränen.
Man sagte mir, ich sei während dieser Zeit mager geworden und hätte viel von meiner Schönheit eingebüßt, aber auch das interessierte mich nicht. Wozu? Für wen? Mir schien, als müsse mein ganzes Leben in dieser Einöde, in dieser hilflosen Trauer dahingehen, aus der mich zu befreien ich selbst keine Kraft und nicht einmal den Willen hatte. Gegen Ende des Winters nahm sich Katja, die um mich sehr besorgt war, vor, mich unbedingt ins Ausland zu bringen. Dazu brauchte man Geld, wir wußten aber kaum, was uns nach dem Tode unserer Mutter geblieben war und erwarteten von Tag zu Tag unseren Vormund, der kommen sollte, um die Vermögensverhältnisse zu klären.
Im März kam der Vormund.
»Nun, Gott sei Dank!« sagte mir einmal Katja, als ich wie ein Schatten, müßig, ohne Gedanken und ohne Wünsche von Winkel zu Winkel irrte. »Ssergej Michailytsch ist angekommen, hat schon nach uns gefragt und sich zum Mittagessen angemeldet. Nimm dich zusammen, Maschetschka,« fügte sie hinzu. »Was soll er von dir denken? Er hat ja euch alle so sehr geliebt.«
Ssergej Michailytsch war unser naher Nachbar und mit unserem verstorbenen Vater befreundet gewesen, obwohl er viel jünger war als dieser. Ganz abgesehen davon, daß seine Ankunft alle unsere Pläne über den Haufen warf und uns die Möglichkeit gab, aus der ländlichen Einöde herauszukommen, war ich schon von der frühesten Kindheit an gewöhnt, ihn zu lieben und zu achten, und Katja hatte, als sie mir den Rat gab, mich zusammenzunehmen, ganz richtig erraten, daß es mir schmerzvoller war, mich Ssergej Michailowitsch als jemand anderem von unsern Bekannten in ungünstigem Lichte zu zeigen. Abgesehen davon, daß ich ihn, wie alle im Hause, von Katja und Ssonja, seiner Patentochter an, bis zum letzten Kutscher schon aus Gewohnheit liebte, hatte er für mich noch eine ganz besondere Bedeutung infolge einer Bemerkung, die Mama einmal in meiner Gegenwart gemacht hatte. Sie hatte gesagt, daß sie mir einen solchen Mann wünsche. Damals war mir das sonderbar und sogar unangenehm erschienen. Mein Held sollte ganz anders aussehen: schlank, hager, bleich und traurig, aber Ssergej Michailytsch war schon in den Jahren, groß gewachsen, wohlbeleibt und, wie mir schien, immer lustig; aber die Worte meiner Mutter hatten sich trotzdem in meiner Erinnerung festgesetzt, und ich hatte mich noch vor sechs Jahren, als ich erst elf Jahre alt war und er zu mir »du« sagte und mich »Veilchenmädchen« nannte, zuweilen nicht ohne Schrecken gefragt, was ich tun sollte, wenn er mich plötzlich heiraten wollen würde. –
Vor dem Mittagessen, bei dem es auf Katjas Anordnung außer den gewöhnlichen Speisen auch noch Gefrorenes, eine Creme und eine Spinatsauce gab, kam Ssergej Michailytsch an. Ich sah ihn durchs Fenster in seinem kleinen Schlitten heranfahren; als er um die Ecke bog, eilte ich ins Wohnzimmer und wollte so tun, als hätte ich ihn gar nicht erwartet. Aber als ich im Vorzimmer seine Schritte, seine laute Stimme und die Schritte Katjas hörte, hielt ich es doch nicht aus und ging ihm entgegen. Er hielt Katja bei der Hand, sprach laut und lächelte. Als er mich erblickte, verstummte er und sah mich einige Zeit, ohne mich zu begrüßen, an. Ich wurde verlegen und fühlte, daß ich errötete.
»Ach! Sind Sie es wirklich?« sagte er in seiner bestimmten, einfachen Art, vor Erstaunen die Arme spreizend und auf mich zugehend. »Kann sich denn ein Mensch so verändern! Wie groß Sie geworden sind! Das soll ein Veilchen sein! Sie sind zu einer Rose aufgeblüht.«
Er ergriff mit seiner großen Hand die meine und drückte sie herzlich und so stark, daß es mir fast weh tat. Ich glaubte, er würde mir die Hand küssen und hatte mich schon vorgeneigt, um mit den Lippen seine Stirn zu berühren, aber er drückte noch einmal meine Hand und sah mir mit einem festen und lustigen Blicke gerade in die Augen.
Ich hatte ihn seit sechs Jahren nicht gesehen. Er hatte sich sehr verändert: war älter und brauner geworden und hatte sich einen Backenbart wachsen lassen, der ihm gar nicht stand; aber seine einfachen Manieren, sein offenes, ehrliches Gesicht mit den scharfen Zügen, die klugen, leuchtenden Augen und das freundliche, fast kindliche Lächeln waren noch dieselben.