Er nahm meine Hand von seiner Schulter und drückte sie.

»Nein, ich sprach die Unwahrheit, als ich sagte, daß ich das Vergangene nicht betrauere; nein, ich betrauere es wohl, ich beweine jene frühere Liebe, die nicht mehr ist und nicht mehr wiederkehren kann. Wer die Schuld trägt, weiß ich nicht. Es ist wohl eine Liebe geblieben, aber es ist nicht die von einst; es ist nur ihr Platz geblieben, doch sie selbst ist verkümmert, es ist weder Kraft noch Saft in ihr, es sind nur die Erinnerungen und die Dankbarkeit geblieben, aber …«

»Sprich nicht so …« unterbrach ich ihn. »Mag alles wieder so werden, wie es war. Das ist doch möglich? Ja?« fragte ich, ihm in die Augen blickend. Aber seine Augen waren heiter und ruhig und blickten gar nicht tief in die meinigen.

Während ich das sagte, fühlte ich schon, daß das, was ich wollte und um was ich ihn bat, unmöglich sei. Er lächelte ein ruhiges, mildes, wie mir schien greisenhaftes Lächeln.

»Wie jung du noch bist, und wie alt bin ich,« sagte er. »In mir ist nichts mehr davon, was du suchst; warum soll man sich betrügen?« fügte er mit dem gleichen Lächeln hinzu.

Ich stand schweigend neben ihm, und es wurde mir ruhiger ums Herz.

»Wir wollen nicht versuchen, das Leben zu wiederholen,« fuhr er fort, »wir wollen uns nicht mehr belügen. Daß aber die alten Aufregungen und Sorgen dahin sind, dafür müssen wir Gott danken! Wir haben nichts mehr zu suchen, keinen Grund mehr, uns aufzuregen. Wir haben schon alles gefunden, und es ist uns nicht wenig Glück zuteil geworden. Jetzt müssen wir zur Seite treten und den Weg diesem da freigeben,« sagte er, auf die Amme weisend, die mit Wanja auf dem Arme in der Terrassentüre erschienen war. »Ja, so ist es, liebes Kind,« schloß er, meinen Kopf niederbeugend und küssend. Es war kein Liebhaber mehr, sondern ein alter Freund, der mich küßte.

Aus dem Garten zog aber immer stärker und süßer die duftende Frische der Nacht herein, immer feierlicher wurden alle Töne und die Stille, und immer mehr Sterne leuchteten am Himmel auf. Ich blickte ihn an, und es wurde mir plötzlich so leicht ums Herz, als hätte man mir einen kranken seelischen Nerv entfernt, der mir solche Schmerzen verursacht hatte. Ich begriff plötzlich klar und ruhig, daß das Gefühl jener Zeit so unwiederbringlich vorbei war, wie jene Zeit selbst, und daß es nicht nur unmöglich, sondern auch unerträglich und schmerzvoll gewesen wäre, jenes Gefühl wieder zu empfinden. War denn jene Zeit, die mir so glücklich erschienen, auch wirklich so schön gewesen? Und wie lange, wie lange war es schon her!

»Aber es ist Zeit, Tee zu trinken!« sagte er, und wir gingen zusammen in das Wohnzimmer. In der Türe trafen wir wieder die Amme mit Wanja. Ich nahm das Kind auf die Arme, deckte seine bloßen roten Beinchen zu, drückte es an mich und küßte es, sein Köpfchen kaum mit den Lippen berührend. Das Kind bewegte wie im Schlafe das Händchen mit den gespreizten Fingerchen und schlug die trüben Äuglein auf, als suchte es etwas oder als wollte es sich an etwas erinnern; seine Äuglein blieben plötzlich an mir haften, ein Funke von Bewußtsein leuchtete in ihnen auf, und die vollen, etwas vorstehenden Lippen öffneten sich zu einem Lächeln. – Mein, mein, mein! – dachte ich, indem ich mir das Kind mit einer beseligenden Spannung in allen Gliedern an die Brust drückte und mich mit Mühe zusammennahm, um ihm nicht weh zu tun. Und ich begann, seine kalten Füßchen, seinen Leib, seine Händchen und sein kaum behaartes Köpfchen zu küssen. Mein Mann ging auf mich zu, ich verhüllte schnell das Gesicht des Kindes und deckte es gleich wieder auf.

»Iwan Ssergejitsch!« sagte mein Mann, indem er das Kind mit dem Finger unter dem Kinne berührte. Ich deckte aber den Iwan Ssergejitsch wieder zu. Niemand durfte ihn lange ansehen außer mir. Ich sah meinen Mann an; seine Augen lachten, indem sie in die meinen blickten, und es war mir zum erstenmal seit langer Zeit so leicht und so wohl ums Herz, sie zu sehen.