Er muß also wohl tapfer gewesen sein, sagte ich.

Nein, das nennt man nicht tapfer, wenn einer überall herumrennt, wo man ihn nicht braucht ...

Was nennen Sie also tapfer?

Tapfer? ... Tapfer? wiederholte der Kapitän, mit der Miene eines Menschen, dem eine solche Frage zum erstenmal vorgelegt wird: Tapfer ist, wer sich so benimmt, wie sich's gehört, sagte er nach einigem Nachdenken.

Mir fiel ein, daß Plato die Tapferkeit definiert als »die Kenntnis dessen, was man zu fürchten hat und was man nicht zu fürchten hat«, und trotz der Allgemeinheit und Unklarheit des Ausdrucks in der Definition des Kapitäns, meinte ich, der Grundgedanke beider sei gar nicht so schlecht, wie es scheinen mochte, ja die Definition des Kapitäns sei sogar richtiger, als die Definition des griechischen Philosophen; denn hätte er sich so auszudrücken verstanden, wie Plato, so würde er sicher gesagt haben: Tapfer ist, wer nur das fürchtet, was man fürchten muß, und nicht das, was man nicht zu fürchten braucht.

Ich hatte Lust, dem Kapitän meinen Gedanken klarzumachen.

Ja, sagte ich, in jeder Gefahr, glaube ich, haben wir eine Wahl, und eine Wahl, die z. B. unter dem Einfluß des Pflichtgefühls getroffen ist, ist Tapferkeit, und eine Wahl, die unter dem Einfluß eines niedrigen Gefühls getroffen ist, ist Feigheit; darum kann man einen Menschen, der aus Eitelkeit, aus Neugier oder aus Habsucht sein Leben aufs Spiel setzt, nicht tapfer nennen, und umgekehrt einen Menschen, der unter dem Einfluß des ehrenwerten Gefühls von Familienpflicht oder einfach der Überzeugung – einer Gefahr aus dem Wege geht, nicht einen Feigling nennen.

Der Kapitän sah mich, während ich sprach, mit einem sonderbaren Blick an.

Ja, das verstehe ich nicht mehr, sagte er und stopfte dabei sein Pfeifchen; aber wir haben hier einen Junker, der philosophiert euch gern. Mit dem müssen Sie sprechen. Er macht auch Verse.