Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurückgezogen, als die feindlichen Kugeln pfeifend über unsern Häuptern zu schwirren begannen. Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzählen, da ich doch selbst viel dafür gäbe, wenn ich es vergessen könnte.

Leutnant Rosenkranz selbst schoß, ohne auch nur einen Augenblick zu unterbrechen, aus seiner Büchse, schrie mit heiserer Stimme die Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flügel zum andern. Er war ein wenig blaß, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut.

Der hübsche Fähnrich war entzückt. Seine schönen schwarzen Augen strahlten vor Kühnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln; immer wieder kam er zu dem Kapitän herangeritten und bat um die Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen.

Wir werfen sie zurück, sagte er mit innerer Überzeugung. Wahrhaftig, wir werfen sie zurück.

Nicht nötig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir müssen zurückgehen.

Die Kompagnie des Kapitäns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte das feindliche Feuer liegend. Der Kapitän, in seinem abgetragenen Überrock und in seiner zerzausten Mütze, hatte seinem Paßgänger, einem Schimmel, die Zügel hängen lassen und seine Beine in dem kurzen Steigbügel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und derselben Stelle. (Die Soldaten wußten so gut, was sie zu thun hatten, und führten es so gut aus, daß man ihnen nicht zu befehlen brauchte.) Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die an, die die Köpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitäns hatte wenig Kriegerisches an sich, dafür aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit und Schlichtheit, daß sie mich außerordentlich berührte. »Das heißt wahrhaft tapfer«, sprach es unwillkürlich in mir.

Er war ganz so, wie ich ihn immer sah. Dieselben sicheren Bewegungen, dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem unschönen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender war, als gewöhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt sich leicht: ganz so wie immer; aber wie mannigfache Abstufungen habe ich bei andern wahrnehmen können: der eine will ruhiger, der andere ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewöhnlich; an dem Gesicht des Kapitäns aber konnte man merken, daß er gar nicht begreifen konnte, warum man etwas scheinen sollte.

Der Franzose, der bei Waterloo sagte: »La garde meurt, mais ne se rend pas« und andere, besonders französische Helden, die denkwürdige Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwürdige Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des Kapitäns ist der Unterschied, daß er, wenn sich auch ein großes Wort, gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt hätte, er es – davon bin ich überzeugt – nicht ausgesprochen hätte: erstens, weil er gefürchtet hätte, durch das große Wort selbst, wenn er es aussprach, das große Werk zu zerstören; zweitens, weil, wenn ein Mensch die Kraft in sich fühlt, ein großes Werk zu vollbringen, jedes Wort überflüssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere und große Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern fade französische Phrasen hört, die es dem veralteten französischen Rittertum gleich zu thun streben? ...

Plötzlich erklang von der Seite, wo der hübsche Fähnrich mit seinem Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und dem Sack auf dem Rücken mit Mühe und Not über ein bebautes Ackerfeld liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei vorwärts. Ihnen voraus sprengte mit gezücktem Säbel der junge Fähnrich.

Alles verschwand im Walde.