Er mag vielleicht auch schön sein, fuhr er mit einer gewissen Gereiztheit fort. Ich weiß nur, daß ich mir im Kaukasus nicht gefalle.
Aber warum das? sagte ich, um doch etwas zu sagen.
Nun, erstens, weil er mich getäuscht hat. Alles das, wovon ich Heilung hoffte im Kaukasus nach der Tradition, alles hat mich hierher begleitet, nur mit dem Unterschied, daß all dies früher auf der großen Vordertreppe war und jetzt auf einer kleinen, schmutzigen Hintertreppe ist, auf deren einzelnen Stufen ich Millionen kleiner Aufregungen, Gemeinheiten, Kränkungen finde; zweitens, weil ich fühle, wie ich mit jedem Tage moralisch sinke, tiefer und tiefer, und vor allem, weil ich mich für den Dienst in diesem Lande unfähig fühle: ich kann keine Gefahren ertragen – kurz, ich bin nicht tapfer ...
Obgleich dies unerbetene Bekenntnis mich außerordentlich in Erstaunen setzte, widersprach ich nicht, wie mein Genosse offenbar wünschte, sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie das immer in solchen Fällen zu sein pflegt.
Sie müssen wissen, ich bin bei dem jetzigen Feldzuge zum erstenmal im Feuer, fuhr er fort, und Sie können sich nicht vorstellen, was mir gestern begegnet ist. Als der Feldwebel den Befehl brachte, daß meine Kompagnie für die Abteilung bestimmt sei, wurde ich bleich wie Leinewand und konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen. Und wüßten Sie, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, daß Menschen vor Angst grau werden, so müßte ich heute ganz weiß sein, denn sicherlich hat noch kein zum Tode Verurteilter in einer Nacht so viel gelitten, wie ich; sogar jetzt fühle ich noch etwas hier drinnen, wenn mir auch ein wenig leichter ist, als heute Nacht! fügte er hinzu und bewegte die Faust vor seiner Brust hin und her. Das Lächerlichste ist, fuhr er fort, daß sich hier das schrecklichste Drama abspielt, und man selbst Klopse mit Lauch ißt und sich einredet, es sei sehr lustig ... Giebt's Wein, Nikolajew? fügte er gähnend hinzu.
Das ist er, Kameraden, erklang in diesem Augenblick die erregte Stimme eines Soldaten. Alle Augen richteten sich auf den Saum des fernen Waldes.
Eine bläuliche Rauchwolke erhob sich vom Winde getrieben in der Ferne und wurde größer und größer. Als ich begriffen hatte, daß es ein Schuß des Feindes gewesen, nahm plötzlich alles, was in diesem Augenblick vor meinen Augen stand, einen neuen, erhabenen Charakter an. Die zusammengestellten Gewehre, der Rauch der Wachtfeuer, der blaue Himmel, die grünen Geschützgestelle, Nikolajews verbranntes Gesicht mit dem großen Schnauzbart – all dies schien mir zu sagen, daß die Kugel, die schon aus dem Rauch herausgeflogen war und in diesem Augenblick in der freien Luft schwebte, vielleicht geradewegs auf meine Brust gerichtet sein könnte.
Wo haben Sie den Wein hergenommen? fragte ich Bolchow nachlässig, während im Innersten meiner Seele zwei Stimmen gleich vernehmlich sprachen: die eine »Herr, nimm meine Seele in Frieden auf«, die andere »Ich hoffe mich nicht zu bücken, sondern zu lächeln, wenn die Kugel vorüberkommt«, – und in diesem Augenblick pfiff etwas wirklich Unangenehmes über unsere Köpfe hin, und zwei Schritt von uns schlug die Kugel ein.
Sehen Sie, wenn ich Napoleon oder Friedrich wäre, sagte Bolchow in diesem Augenblick und wandte sich vollkommen kaltblütig zu mir, hätte ich unbedingt irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt.