Die Holzfäller machten ihre Arbeit: die Äxte erklangen schneller und häufiger im Walde, nur in dem Augenblick, wo sich das Pfeifen eines Geschosses hören ließ, verstummte plötzlich alles, und durch die Totenstille erklangen ein wenig erregte Stimmen: »Bückt euch, Kinder!« – und alle Augen richteten sich auf die Kugel, die an die Wachtfeuer und an die abgehauenen Äste anschlug.

Der Nebel hatte sich ganz gehoben, nahm immer mehr die Gestalt von Wolken an und verschwand allmählich in dem tiefdunklen Blau des Himmels; die hervortretende Sonne leuchtete hell und warf ihren heiteren Schimmer auf den Stahl der Bajonette, das Erz der Geschütze, auf die auftauchende Erde und den glänzenden Reif. In der Luft fühlte man die Frische des Morgenfrostes zugleich mit der Wärme der Frühlingssonne; tausend verschiedene Schatten und Farben flossen in dem trockenen Laub der Bäume zusammen, und auf den ausgefahrenen, glänzenden Wegen wurden die Spuren der Räder und der Hufeisendornen deutlich sichtbar.

Die Bewegung unter den Truppen wurde immer stärker und deutlicher. Von allen Seiten sah man immer häufiger die bläulichen Rauchwolken der Schüsse. Die Dragoner mit den flatternden Fähnlein an den Lanzen ritten an der Spitze; in den Reihen der Infanterie ertönten Lieder, und der Wagenzug mit dem Holz formierte sich in der Nachhut. Da kam zu unserem Zuge der General herangeritten und befahl, sich zum Rückzuge zu rüsten. Der Feind hatte sich in den Gebüschen unserem linken Flügel gegenüber festgesetzt und begann uns durch ein Gewehrfeuer stark zu beunruhigen. Von links aus dem Walde her kam eine Kugel vorübergesaust und schlug in das Geschützgestell, dann eine zweite, eine dritte ... die Infanteriedeckung, die in unserer Nähe lag, sprang lärmend auf die Beine, griff zu den Gewehren und nahm Stellung in der Vorpostenkette. Das Gewehrfeuer wurde stärker, die Kugeln kamen häufiger geflogen. Der Rückzug begann, folglich auch das eigentliche Gefecht, wie es im Kaukasus immer zu sein pflegt.

Aus allem konnte man erkennen, daß den Artilleristen die Gewehrkugeln unbehaglicher waren, als vorhin den Infanteristen die Kanonen. Antonow machte ein verdrießliches Gesicht. Tschikin äffte das Summen der Kugeln nach und trieb seinen Spaß mit ihnen; aber man sah wohl, daß sie ihm nicht behagten. Bei einer sagte er: »Wie eilig sie's hat,« eine andere nannte er »Bienchen«, eine dritte, die mit einem seltsam trägen und klagenden Laut über uns hinflog, nannte er eine »Waise« und rief damit allgemeines Gelächter hervor.

Der junge Rekrut bog, da er es noch nicht gewohnt war, bei jeder Kugel den Kopf beiseite und reckte den Hals, und auch das rief bei den Soldaten Gelächter hervor. »Wie, ist das eine Bekannte von dir, daß du sie grüßest?« sagten sie zu ihm. Auch Welentschuk, der immer außerordentlich gleichmütig war in Gefahren, befand sich jetzt in erregtem Zustand: es kränkte ihn offenbar, daß wir nicht mit Kartätschen nach der Richtung schossen, wo die Gewehrkugeln hergeflogen kamen. Er wiederholte mehrere Male mit verdrießlicher Stimme: »Soll er uns so ungestraft schlagen? Wenn man dorthin ein Geschütz richten wollte und eine Kartätsche hinüberblasen, dann würde er schon stumm werden.«

In der That, es war Zeit, das zu thun: ich gab Befehl, die letzte Granate zu werfen und Kartätschen zu laden.

Kartätschen! rief Antonow und trat munter im Rauch mit dem Stückputzer an das Geschütz heran, kaum daß die Ladung heraus war.

In diesem Augenblick hörte ich ein wenig hinter mir den raschen summenden Laut einer Gewehrkugel, der plötzlich mit einem trockenen Schlag abriß. Mein Herz krampfte sich zusammen. »Es scheint jemand von den Unsrigen getroffen zu haben,« dachte ich, scheute mich indessen zurückzublicken, unter dem Eindruck einer beängstigenden Ahnung. Wirklich hörte man nach diesem Laut das schwere Fallen eines Körpers und »oh–oh oh oh–oi!« – das herzzerreißende Stöhnen eines Verwundeten. »Getroffen, Kameraden!« sagte mühsam eine Stimme, die ich erkannte. Es war Welentschuk. Er lag auf dem Rücken zwischen dem Protzkasten und dem Geschütz. Der Ranzen, den er getragen hatte, war nach der Seite geschleudert. Seine Stirn war ganz blutig, und über das rechte Auge und die Nase floß ein dichter roter Strom. Er hatte eine Wunde im Leibe, aber es war fast kein Blut daran; die Stirn hatte er sich beim Fallen an einen Baumstumpf zerschlagen.

Alles das ward mir viel später erst klar; im ersten Augenblick sah ich nur eine deutliche Masse und, wie mir schien, furchtbar viel Blut.