IV

Kaum aber hatte der Stabskapitän die Schwelle seiner Wohnung überschritten, als ihm völlig andere Gedanken in den Sinn kamen. Er sah sein kleines Zimmerchen mit dem unebnen Lehmboden und den schiefen, mit Papier beklebten Fenstern, sein altes Bett mit dem darüber befestigten Teppich, auf dem eine Reiterin abgebildet war und über dem zwei Pistolen aus Tula hingen, die schmutzige, mit einer Kattundecke versehene Lagerstätte des Junkers, der mit ihm zusammenwohnte; er sah seinen Nikita, der, mit verwirrtem, fettigem Haar, sich kratzend, von der Diele aufstand; er sah seinen alten Mantel, seine umgestülpten Stiefel und ein Bündel, aus dem das Ende eines Käses und der Hals einer großen Flasche mit Branntwein, den er sich für den Aufenthalt auf der Bastion besorgt, hervorragten; und plötzlich fiel ihm ein, daß er heut auf die ganze Nacht mit der Kompagnie in die Schützengräben gehen müsse.

»Gewiß, ich werde heut sterben müssen, – dachte der Stabskapitän – ich fühle es. Die Hauptsache ist, daß ich nicht zu gehen brauchte, aber mich selbst angeboten habe. Immer fällt der, der sich selber anbietet. Und was fehlt denn diesem verfluchten Nepschißezki? Er ist vielleicht gar nicht krank, und es soll ein anderer für ihn fallen, ja, gewiß fallen. Übrigens aber, wenn ich nicht falle, werde ich sicher vorgeschlagen. Ich habe wohl gemerkt, wie es dem Regimentskommandeur gefiel, als ich sagte: »Gestatten Sie, daß ich gehe, wenn Leutnant Nepschißezki krank ist.« Setzt es nicht den Major, so ist mir der Wladimir gewiß. Gehe ich doch schon das dreizehnte Mal auf die Bastion. Ach, dreizehn ist eine böse Zahl. Ich werde bestimmt fallen – ich fühle es, daß ich fallen werde. Aber Einer muß doch gehen, ein Fähnrich kann doch nicht die Kompagnie führen. Und wenn sich etwas ereignen sollte? ... die Ehre des Regiments, die Ehre der Armee hängt ja davon ab. Meine Pflicht war es, ja, meine heilige Pflicht. Aber ich habe Vorahnungen.« Der Stabskapitän vergaß, daß er derartige Vorahnungen mehr oder minder stark schon oft gehabt hatte, wenn er auf die Bastion gehen sollte, und wußte nicht, daß dieselbe Vorahnung mehr oder minder stark jeder empfindet, der ins Feuer geht. Beruhigt durch das Pflichtbewußtsein, das bei dem Stabskapitän besonders entwickelt und stark war, setzte er sich an den Tisch und begann einen Abschiedsbrief an seinen Vater zu schreiben. Als er nach zehn Minuten den Brief beendet, stand er mit thränenfeuchten Augen vom Tische auf und begann, im Geiste alle ihm bekannten Gebete wiederholend, sich umzukleiden. Sein angetrunkener und grober Diener reichte ihm träge seinen neuen Rock (der alte, den der Stabskapitän gewöhnlich anzog, wenn er auf die Bastion ging, war nicht gereinigt).

Weshalb ist der Rock nicht gereinigt? Du willst nur immer schlafen, du! du! rief Michajlow zornig.

Was schlafen? brummte Nikita; den ganzen geschlagenen Tag läuft man umher wie ein Hund, da wird man wohl müde; und dann heißt es: schlaf' nicht mal ein!

Du bist wieder betrunken, sehe ich.

Nicht für Ihr Geld habe ich getrunken, was machen Sie mir Vorwürfe?

Schweig', Tölpel, schrie der Stabskapitän und wollte seinem Diener einen Schlag versetzen. Er war schon vorher erregt gewesen, jetzt war er vollends außer sich und erbittert über die Grobheit Nikitas, den er gern hatte, sogar verwöhnte, und mit dem er bereits zwölf Jahre zusammen lebte.

Tölpel? Tölpel ... wiederholte der Diener, und weshalb schimpfen Sie mich Tölpel, Herr? In solcher Zeit, wie jetzt, ist es nicht recht, zu schimpfen.