15. Juni 1855.
Eine Begegnung im Felde mit einem Moskauer Bekannten (Aus den kaukasischen Aufzeichnungen des Fürsten Nechljudow)
Wir standen im Felde. Die Kämpfe gingen schon ihrem Ende entgegen, wir hatten die Waldrodung hergestellt und erwarteten jeden Tag vom Stabe den Befehl zum Rückzuge in die Festung. Unsere Division der Batteriegeschütze stand am Abhang eines steilen Bergrückens, der von dem reißenden Gebirgsbach Metschik begrenzt war, und hatte die Aufgabe, die vor uns ausgebreitete Ebene zu beschießen. Auf dieser malerischen Ebene zeigten sich außer Schußweite von Zeit zu Zeit, besonders vor Abend, hie und da, nicht in feindseliger Absicht, Gruppen berittener Bergbewohner, die aus Neugier herbeigeströmt waren, um das russische Lager zu betrachten. Es war ein klarer, stiller und frischer Abend, wie die Dezemberabende im Kaukasus zu sein pflegen; die Sonne war hinter den steilen Gebirgsausläufern zur Linken versunken und warf ihre rosigen Strahlen auf die Zelthütten, die über den Berg zerstreut lagen, auf die Soldatengruppen, die sich hin- und herbewegten und auf unsere beiden Geschütze, die schwerfällig, wie mit ausgereckten Hälsen, unbeweglich zwei Schritt vor uns auf einer Erdbatterie standen. Ein Infanteriepiket, das auf dem Hügel zur Linken zerstreut lag, war mit seinen zusammengestellten Gewehren, mit der Gestalt des Wachtpostens, einer Gruppe Soldaten und dem Rauch des aufgeschichteten Wachtfeuers in dem durchsichtigen Licht des Sonnenuntergang deutlich zu erkennen. Rechts und links auf der halben Höhe des Berges schimmerten auf dem schwarzen, ausgetretenen Boden die weißen Zelte, und hinter den Zelten die dunklen, entblätterten Stämme des Platanenwaldes, in dem unaufhörlich Äxte klangen, Wachtfeuer knisterten und gefällte Bäume krachend niederstürzten. Bläulicher Dampf stieg von allen Seiten in Säulen zu dem hellblauen Winterhimmel empor. An dem Zelte und in der Niederung am Rande des Baches zogen mit Pferdegetrappel und Gewieher die Kosaken, die Dragoner und die Artillerie dahin, die von der Tränke zurückkamen. Es begann zu frieren; jeder Laut war ganz deutlich zu hören, und das Auge sah in der reinen, klaren Luft weithin über die Ebene. Die Häuflein der Feinde, die nun nicht mehr die Neugierde der Soldaten erregten, ritten ruhig über die hellgelben Stoppeln der Maisfelder hin; hie und da schimmerten hinter den Bäumen die hohen Säulen der Kirchhöfe und die rauchenden Auls herüber.
Unser Zelt stand unweit der Geschütze an einem trocknen und hochgelegenen Ort, von dem die Aussicht besonders weit war. Neben dem Zelt, ganz in der Nähe der Batterie, hatten wir auf einem gesäuberten Plätzchen ein Holzklötzchenspiel hergerichtet. Dienstfertige Soldaten hatten uns hier geflochtene Bänke und einen kleinen Tisch hergesetzt. Wegen aller dieser Bequemlichkeiten kamen Artillerieoffiziere, unsere Kameraden, und einige Herren von der Infanterie abends gern zu unserer Batterie und nannten den Ort den Klub.
Es war ein prächtiger Abend. Die besten Spieler waren versammelt, und wir spielten Klötzchen. Ich, der Fähnrich D. und der Leutnant O. hatten hintereinander zwei Partien verspielt und zum allgemeinen Vergnügen und Gelächter der zuschauenden Offiziere, der Soldaten und Burschen, die uns aus ihren Zelten zusahen, zweimal die Gewinner auf unserem Rücken von einem Ende bis zum anderen getragen. Besonders drollig war die Stellung des kolossalen dicken Stabskapitäns Sch., der keuchend und gutmütig lächelnd und die Beine am Boden nachschleppend, auf dem kleinen, schwächlichen Leutnant O. ritt. Es war aber schon spät geworden. Die Burschen brachten für sechs Mann, die wir waren, drei Glas Thee ohne Untersätze. Wir brachen das Spiel ab und gingen zu den geflochtenen Bänken. Da stand ein uns unbekannter mittelgroßer Mann mit krummen Beinen in einem Pelz ohne Überzug und in einer Fellmütze mit langem, herabhängendem weißen Haar. Als wir nahe an ihn herangekommen waren, zog er einige Mal zögernd die Mütze und setzte sie wieder auf, dann schickte er sich immer wieder an, zu uns heranzukommen und machte immer wieder Halt. Da der unbekannte Mann aber wohl glauben mußte, daß er nicht mehr unbemerkt bleiben könne, zog er die Mütze, ging im Bogen um uns herum und trat auf den Stabskapitän Sch. zu.