Ah, Guscantini! Wie geht's, Väterchen? sagte Sch. zu ihm und lächelte gutmütig, immer noch unter dem Eindruck seines Rittes.
Guscantini, wie er ihn genannt hatte, setzte sofort seine Mütze auf und machte eine Bewegung, als ob er die Hände in die Taschen seines Pelzes stecken wollte; auf der Seite aber, die er mir zukehrte, hatte der Pelz keine Taschen, und seine kleine rote Hand blieb in einer ungeschickten Lage. Ich hätte gern erraten, was dieser Mensch wohl sei (ein Junker oder ein Degradierter), und ohne zu bemerken, daß mein Blick (d. h. der Blick eines unbekannten Offiziers) ihn verlegen machte, betrachtete ich aufmerksam seine Kleidung und sein Äußeres. Er mochte dreißig Jahre zählen. Seine kleinen, grauen, runden Augen schauten wie schläfrig und doch gleichzeitig unruhig unter dem schmutzigen, weißen Schafpelz der Mütze hervor, der ihm in die Stirn hineinhing. Die dicke, unregelmäßige Nase zwischen den eingefallenen Wangen verriet eine krankhafte, unnatürliche Magerkeit, die Lippen, die sehr spärlich von einem dünnen, weichen, häßlichen Schnurrbart bedeckt waren, befanden sich unaufhörlich in einem unruhigen Zustand, als wollten sie bald diesen, bald jenen Ausdruck annehmen. Aber jedem Ausdruck haftete etwas Unfertiges an – in seinen Zügen blieb beständig der eine Ausdruck der Angst und der Hast vorherrschend. Sein hagerer, von Adern durchzogener Hals war mit einem grünseidenen Tuch umbunden, das unter dem Pelz verborgen war. Der Pelz war abgenutzt und kurz, am Kragen und an den falschen Taschen mit Hundsfell besetzt, die Beinkleider waren karriert, aschgrau, die Stiefel hatten kurze, ungeschwärzte Soldatenschäfte.
Machen Sie keine Umstände, bitte, sagte ich ihm, als er wieder, mit einem scheuen Blick auf mich, die Mütze gezogen hatte.
Er verneigte sich mit einem Ausdruck der Dankbarkeit, setzte die Mütze auf, zog einen schmutzigen, kattunenen Beutel mit Schnüren aus der Tasche und begann eine Cigarette zu drehen.
Ich war selbst vor kurzem Junker gewesen, ein alter Junker, der nicht mehr dazu taugte, jüngeren Kameraden gutmütig Gefälligkeiten zu erweisen, und ein Junker ohne Vermögen. Ich kannte daher sehr gut den ganzen moralischen Druck einer solchen Lage für einen nicht mehr jungen und von Eigenliebe beherrschten Mann, hatte Teilnahme für jeden, der sich in ähnlicher Lage befand, und gab mir Mühe, mir seinen Charakter, den Grad und die Richtung seiner geistigen Fähigkeiten zu erklären, um darnach den Grad seiner moralischen Leiden zu beurteilen. Dieser Junker oder Degradierte schien mir nach seinem unruhigen Blick und dem absichtlichen, unaufhörlichen Wechsel des Gesichtsausdrucks, den ich an ihm beobachtet hatte, ein sehr kluger, höchst selbstbewußter und darum höchst bedauernswerter Mensch zu sein.
Der Stabskapitän Sch. machte uns den Vorschlag, noch eine Partie Klötzchen zu spielen; die verlierende Partei sollte außer dem Umritt einige Flaschen Rotwein, Rum, Zucker, Zimmt und Nelken zu Glühwein stellen, der in diesem Winter wegen der großen Kälte auf unserem Feldzuge in Mode war. Guscantini, wie ihn Sch. wieder nannte, wurde auch zur Partie aufgefordert; ehe jedoch das Spiel begann, führte er, offenbar in einem Kampf zwischen der Freude, die ihm diese Einladung machte, und einer gewissen Angst, den Stabskapitän Sch. auf die Seite und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der gutmütige Stabskapitän klopfte ihm mit seiner fleischigen, großen Hand auf die Schulter und antwortete laut: »Thut nichts, Väterchen, ich traue Ihnen.«
Als das Spiel zu Ende war und die Partei, zu der der unbekannte Subalterne gehörte, gewonnen hatte, und er nun auf einem von unseren Offizieren, dem Fähnrich D., reiten sollte, wurde der Fähnrich rot, ging zu dem Bänkchen hin und bot dem Subalternen eine Cigarette als Lösegeld an. Während der Glühwein besorgt wurde und in dem Burschenzelt das emsige Wirtschaften Nikitas zu hören war, der einen Boten nach Zimmt und Nelken geschickt hatte und dessen Rücken die schmutzige Zeltdecke bald hierhin, bald dorthin zog, nahmen wir sieben Mann bei dem Bänkchen Platz, tranken abwechselnd Thee aus den drei Gläsern, betrachteten die Ebene vor uns, die sich gerade in Dämmerung hüllen wollte, und plauderten und lachten über die verschiedenen Wechselfälle des Spiels. Der unbekannte Mann im Pelzrock nahm nicht Teil an dem Gespräch, lehnte hartnäckig den Thee ab, den ich ihm mehrere Male angeboten hatte, drehte, in tatarischer Weise auf dem Boden sitzend, aus feingeschnittenem Tabak eine Cigarette nach der anderen und rauchte sie, wie man leicht sehen konnte, nicht so sehr zu seinem Vergnügen, als um sich den Anschein eines mit etwas beschäftigten Menschen zu geben. Als man davon sprach, daß morgen der Rückzug vielleicht auch ohne Gefecht stattfinden könnte, richtete er sich auf die Knie auf und sagte, nur zu dem Stabskapitän Sch. gewandt, er sei jetzt bei dem Adjutanten zu Hause und habe selbst den Befehl zum Rückzuge für morgen geschrieben. Wir schwiegen alle, während er sprach, und obgleich er deutlich seine Schüchternheit verriet, veranlaßten wir ihn, diese für uns außerordentliche Mitteilung zu wiederholen. Er wiederholte, was er gesagt hatte, fügte jedoch hinzu, er sei bei dem Adjutanten gewesen, mit dem er zusammen wohne, und habe dort gesessen, gerade als man den Befehl brachte.
Sehen Sie, wenn Sie nicht lügen, Väterchen, so muß ich zu meiner Kompagnie gehen und zu morgen einen Befehl geben, sagte der Kapitän Sch.
Nein ... Weshalb auch ... Wie kann man! Ich habe gewiß ... begann der Subalterne, aber er verstummte bald, schien entschlossen, den Beleidigten zu spielen, verzog unnatürlich die Stirn, brummte etwas in den Bart und begann wieder eine Cigarette zu drehen. Aber der feine Tabak in seinem kattunenen Beutel reichte nicht mehr und er bat Sch., ihm eine Cigarette zu leihen. Wir setzten dieses einförmige Gespräch über den Krieg, das jeder kennt, der einmal an Feldzügen teilgenommen hat, ziemlich lange fort, beklagten uns alle mit denselben Worten über die Langeweile und die Länge des Feldzugs, urteilten alle in gleicher Weise über die Vorgesetzten, lobten alle, wie schon oft vorher, den einen Kameraden, bedauerten den anderen, sprachen unsere Verwunderung darüber aus, wieviel dieser gewonnen, wieviel jener verloren hatte u. s. w. u. s. w.
Siehst du, Väterchen, unser Adjutant, der ist 'reingefallen, tüchtig 'reingefallen! sagte der Stabskapitän Sch. Beim Stabe war er immer im Gewinn. Mit wem er auch setzte, immer legte er ihn 'rein und jetzt verliert er seit zwei Monaten beständig. Dieser Feldzug hat ihm wenig Glück gebracht. Ich glaube, er ist 2000 Moneten losgeworden und Sachen für 500 Moneten, den Teppich, den er Muchin abgewonnen hat, die Pistolen von Nikita, die goldene Uhr von Ssada, die ihm Worinzew geschenkt hat – alles ist er losgeworden.