Der ältere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.
Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?
Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle Wahrheit: er hatte noch vier Goldstücke, die er für alle Fälle in seinem Ärmelaufschlag eingenäht hatte, er hatte sich aber das Wort gegeben, sie nicht anzurühren.
Es zeigte sich, daß Koselzow vom Préférence und für den Zucker im ganzen acht Rubel schuldig war. Der ältere Bruder gab sie ihm und bemerkte nur, daß man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Préférence spielen dürfe.
Worauf hast du gespielt?
Der jüngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der Ärger, den er gegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem Bruder, den er so liebte, solche Verdächtigungen und Beleidigungen abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfähigen Natur ein so schmerzliches Gefühl in ihm hervor, daß er nichts antwortete. Da er empfand, daß er nicht imstande sein würde, die vor Thränen zitternden Laute zu unterdrücken, die ihm die Kehle würgten, nahm er, ohne hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.
VII
Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestärkt hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brücke gekauft, führte die Zügel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen Straße dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol führte; die Brüder stießen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnäckig, obwohl sie beständig einer an den andern dachten.
»Warum hat er mich gekränkt? dachte der Jüngere, konnte er nicht darüber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er böse zu sein, so daß wir für immer auseinander sind. Und wie prächtig wäre es für uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brüder, die sich innig lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der Ältere, zwar nicht übermäßig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere, der Jüngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche hätte ich allen bewiesen, daß ich gar nicht mehr so sehr jung bin! Ich werde dann nicht mehr erröten, in meinen Zügen wird Männlichkeit liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht groß, aber doch tüchtig gewachsen sein.« Und er zwickte an dem Flaum, der an den Rändern seines Mundes sproßte. »Vielleicht komme ich heute hin und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher ausdauernd und höchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht, aber mehr als die anderen thut. Ich möchte gern wissen – fuhr er fort – ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den äußersten Rand des Wagens drängt. Er fühlt doch gewiß, daß ich unbequem sitze, und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an – fuhr er in seinen Gedanken fort und drückte sich an den Rand des Wagens; er scheute sich, sich zu rühren, um den Bruder nicht merken zu lassen, daß er unbequem sitze – und auf einmal schnurstracks auf die Bastion: ich mit Geschützen, mein Bruder mit der Kompagnie, und wir ziehen zusammen. Plötzlich stürzen sich die Franzosen auf uns. Ich schieße: ich töte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf mich losgestürzt. Da hilft kein Schießen mehr, ich bin rettungslos verloren; plötzlich aber stürzt der Bruder hervor, mit dem Säbel in der Hand, die Franzosen stürzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und töte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne vorwärts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt, ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse ich mich und rufe: ‚Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder über alles in der Welt geliebt‘ – sage ich – ‚und ich habe ihn verloren. Rächen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf dem Platze!‘ Alle schreien und stürzen mir nach. Das ganze Heer der Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und sinke tödlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestürzt, Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will nichts, ich wünsche nur, daß man mich neben meinen Bruder lege, daß ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage nur: ‚O ja, – ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft geliebt haben, nicht zu schätzen gewußt; nun sind sie beide gefallen; Gott möge euch verzeihen!‘ – und ich sterbe. Wer weiß, wie viele von diesen Gedanken wahr werden!«