Wenn wir zum erstenmal in Sewastopol ankommen, sind wir unbedingt enttäuscht. Wir suchen vergebens, auch nur auf einem Gesicht, Spuren von Unruhe und Kopflosigkeit, oder auch von Begeisterung, Todesmut und Entschlossenheit, – nichts von alledem: wir sehen ruhig mit ihrer Alltagsarbeit beschäftigte Alltagsmenschen, so daß wir uns vielleicht selbst ein Übermaß von Enthusiasmus vorwerfen, daß wir leise Zweifel hegen an der Richtigkeit der Vorstellung von dem Heldenmut der Verteidiger Sewastopols, die wir uns nach den Erzählungen, den Beschreibungen gebildet haben und dem, was wir auf der Nordseite gesehen und gehört. Aber ehe wir zweifeln, gehen wir auf die Bastionen, betrachten wir Sewastopols Verteidiger auf dem Schauplatz der Verteidigung selber, – oder noch besser, gehen wir direkt in das Haus gegenüber, das früher das Sewastopoler Kasinogebäude gewesen und auf dessen Außentreppe Soldaten mit Tragbahren stehen, – da werden wir die Verteidiger Sewastopols sehen, da werden wir schreckliche, traurige, große, Erstaunen erregende und herzerhebende Szenen sehen.

Wir wollen in den großen Saal des Kasinos gehen. Kaum haben wir die Thür geöffnet, da erschreckt uns plötzlich der Anblick und der Geruch von vierzig oder fünfzig amputierten, sehr schwer verwundeten Kranken, die einen auf Pritschen, die meisten auf der Diele liegend. Wir dürfen dem Gefühl, das uns an der Schwelle zurückhält, nicht nachgeben – es ist kein schönes Gefühl; gehen wir nur vorwärts, schämen wir uns nicht, daß wir gekommen, von den quälendsten Schmerzen Gepeinigte zu sehen – schämen wir uns nicht, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu sprechen: die Unglücklichen sehen gern ein mitfühlendes Menschenantlitz, sprechen gern von ihren Qualen und hören gern Worte der Liebe und Teilnahme ... Wir wollen in der Mitte der Lagerstätten entlang gehen und ein weniger düsteres und schmerzdurchfurchtes Gesicht suchen, zu dem wir hingehen können, um zu sprechen.

Wo bist du verwundet? – fragen wir unentschlossen und zaghaft einen alten, abgemagerten Soldaten, der auf einer Pritsche sitzt, uns mit einem treuherzigen Blicke verfolgt und uns aufzufordern scheint, an ihn heranzukommen. Ich sage: zaghaft fragen wir, weil Leiden nicht nur tiefes Mitgefühl, sondern auch Scheu vor der Möglichkeit zu beleidigen und Hochachtung vor dem, der sie erträgt, einflößen.

Am Bein, antwortet der Soldat, aber zugleich bemerken wir selber an den Falten der Decke, daß ihm ein Bein bis zum Knie fehlt. Gott sei Dank, fügt er hinzu: ich werde jetzt aus dem Lazarett entlassen werden.

Und ist es schon lange her, daß du verwundet worden bist?

Ja, vor sechs Wochen, Euer Wohlgeboren.

Schmerzt es dich jetzt?

Nein, jetzt schmerzt es nicht, – gar nicht; nur die Wade scheint mir weh zu thun, wenn schlechtes Wetter ist, das ist alles.

Wie und wo bist du verwundet worden?