Auf der fünften Bastion, Euer Wohlgeboren, wie das erste Bombardement war, ich hatte das Geschütz hergerichtet, wollte nach einer anderen Schießscharte gehen, und da traf er mich ins Bein, es war mir, als ob ich in eine Grube stürzte, – fort war das Bein.
Empfandest du nicht Schmerz in diesem ersten Augenblick?
Nein, nur ein Gefühl, als wenn ich mit etwas Heißem ans Bein gestoßen würde.
Nun, aber dann?
Und dann war weiter nichts; nur als man mir die Haut straff zog, war mir, als ob sie wund gerieben würde. Das Erste, Euer Wohlgeboren, ist, an nichts denken; wenn man nichts denkt, dann ist auch weiter nichts. Alles kommt daher, daß der Mensch denkt.
Da tritt an uns eine Frau heran, in einem grauen gestreiften Kleide, mit einem um den Kopf gebundenen schwarzen Tuch, sie mischt sich in unser Gespräch mit dem Matrosen und beginnt von ihm zu erzählen, von seinen Leiden, dem verzweifelten Zustande, in dem er sich vier Wochen lang befunden, – wie er, verwundet, die Tragbahre hatte anhalten lassen, um die Salve unserer Batterie zu sehen, wie die Großfürsten mit ihm gesprochen und ihm 25 Rubel geschenkt, und wie er ihnen gesagt, daß er wieder auf die Bastion wolle, um die jungen Leute zu unterweisen, wenn er selber nicht mehr arbeiten könnte. Während die Frau dies in einem Atem hersagt, sieht sie bald uns, bald den Matrosen an, der, abgewandt und als wenn er nicht auf sie hörte, auf seinem Kopfkissen Charpie zupft, – und ihre Augen leuchten dabei von einem besonderen Entzücken.
Das ist meine Hausfrau, Euer Wohlgeboren! bemerkt uns der Matrose, mit einem Ausdrucke, als wenn er spräche: Sie müssen ihr schon verzeihen, es ist einmal so, Weiber müssen dummes Zeug schwatzen.
Wir beginnen die Verteidiger Sewastopols zu verstehen, wir schämen uns förmlich vor diesem Menschen. Wir möchten ihm gar viel sagen, um ihm unser Mitgefühl und unsere Bewunderung auszudrücken, aber wir finden keine Worte oder sind nicht zufrieden mit denen, die uns gerade einfallen, und beugen uns schweigend vor dieser schweigsamen und unbewußten Größe und Stärke des Geistes, dieser Scham vor dem eigenen Werte.
Nun möge Gott dich bald gesund werden lassen, sagen wir zu ihm und bleiben vor einem anderen Kranken stehen, der auf der Diele liegt und in unerträglichen Schmerzen den Tod zu erwarten scheint.
Es ist ein blonder Mensch mit einem geschwollenen und bleichen Gesicht. Er liegt auf dem Rücken, den linken Arm hinten unter gelegt, in einer Lage, die fürchterliche Schmerzen ausdrückt. Der vertrocknete, geöffnete Mund stößt mit Mühe röchelnden Atem aus; die blauen, glanzlosen Augen rollen nach oben gerichtet, und aus der umgeschlagenen Decke ragt der mit Binden umwundene Stumpf des rechten Arms hervor. Der dumpfige Geruch, den der leblose Körper ausströmt, fällt uns stark auf die Brust, und die verzehrende, innerliche Hitze, die alle Glieder des Dulders durchdringt, bemächtigt sich auch unser.