VIII
Ist dies schon Sewastopol? fragte der jüngere Bruder, als sie oben angekommen waren.
Und vor ihnen lag die Bucht mit den Masten der Schiffe, das Meer mit der entfernten feindlichen Flotte, die weißen Strandbatterien, die Kasernen, Wasserleitungen, die Docks, die Gebäude der Stadt und weißblaue Rauchwolken, die ununterbrochen auf den gelben Höhen aufstiegen, die die Stadt umgaben; der Himmel war blau, und die Sonne, deren Glanz sich im Westen abspiegelte, senkte sich mit rosafarbenen Strahlen zum Horizont des dunklen Meeres nieder.
Wolodja sah ohne das geringste Schaudern diesen Ort der Schrecken, an den er so viel gedacht hatte; er betrachtete vielmehr mit ästhetischem Genuß und dem heroischen Gefühl des Selbstbewußtseins, daß ja auch er in einer halben Stunde dort sein würde, dieses wahrhaft reizvoll-originelle Schauspiel, und betrachtete es mit gespannter Aufmerksamkeit bis zu dem Augenblick, wo sie auf die Nordseite zu dem Train des Regiment seines Bruders gekommen waren; hier mußten sie genau den Standort des Regiments und der Batterie erfahren.
Der Offizier, der den Train kommandierte, wohnte in der Nähe des sogenannten neuen Städtchens – hölzerner, durch Matrosenfamilien errichteter Baracken – in einem Zelt, das mit einer ziemlich großen, aus grünen, noch nicht ganz vertrockneten Eichenzweigen errichteten Hütte verbunden war.
Die Brüder trafen den Offizier vor einem schmutzigen Tische, auf dem ein Glas kalten Thees, ein Brett mit Schnaps, mit Kaviarkörnchen und Brotkrümel stand, bloß mit einem gelblich-schmutzigen Hemde bekleidet; er zählte an einem großen Rechenbrett einen ungeheuren Haufen Banknoten. Ehe wir aber von der Persönlichkeit des Offiziers und seiner Unterhaltung etwas sagen, müssen wir uns genauer das Innere seiner Hütte ansehen und uns ein wenig mit seiner Lebensweise und seiner Beschäftigung bekannt machen. Die neue Hütte war so groß, so dicht geflochten und so gut gebaut, mit Tischen und Bänken versehen, die mit Rasen bedeckt waren, wie man sie nur für Generale und Regimentskommandeure macht; die Seitenwände und die Decke waren, damit die Blätter nicht herunterfallen, mit drei Teppichen behängt, die zwar sehr häßlich, aber neu und jedenfalls teuer waren. Auf dem eisernen Bett, das unter dem Hauptteppich stand, auf dem eine Reiterin abgebildet war, lag eine hellrote Plüschdecke, ein schmutziges, zerrissenes Kissen und ein Schuppenpelz. Auf dem Tisch stand ein Spiegel in einem Silberrahmen; eine silberne, schrecklich schmutzige Bürste, ein zerbrochener, mit öligen Haaren besetzter Hornkamm, ein silberner Leuchter, eine Likörflasche mit einer riesigen goldenen roten Marke, eine goldene Uhr mit dem Bilde Peters des Großen, zwei goldene Federn, ein Körbchen mit Kapseln, eine Brotrinde, ein auseinandergeworfenes altes Kartenspiel und unter dem Bett allerlei leere und volle Flaschen. Dieser Offizier hatte den Train des Regiment und die Verpflegung der Pferde unter sich. Mit ihm zusammen wohnte sein Busenfreund, der Kommissionär, der sich mit den Geschäften befaßte. Er schlief in dem Augenblick, wo die Brüder eintraten, in der Hütte, der Train-Offizier aber zählte Kronsgelder, da das Ende des Monats vor der Thür stand. Die Erscheinung des Train-Offiziers war sehr schön und kriegerisch: eine hohe Gestalt, ein tüchtiger Schnauzbart, adelige Stattlichkeit. Unangenehm war an ihm nur sein schweißiges, aufgedunsenes Gesicht, das kaum die kleinen grauen Augen sehen ließ (als ob es ganz mit Porter begossen wäre), und die außerordentliche Unsauberkeit, von dem dünnen, öligen Haar bis zu den großen nackten Füßen, die er in Hermelinpantoffeln trug.
Ist das Geld! Ist das Geld! sagte Koselzow I., als er in die Hütte trat und mit unwillkürlicher Gier die Augen auf den Haufen Banknoten richtete. Wenn Sie mir nur die Hälfte borgen wollten, Wassilij Michajlytsch!
Der Train-Offizier machte beim Anblick der Gäste einen krummen Rücken und grüßte sie, ohne aufzustehen, indem er das Geld zusammenstrich.