Die Soldaten antworteten munter; die jugendliche, frische Stimme tönte angenehm in dem Ohr eines jeden. Wolodja ging den Soldaten kühn voran, und, obwohl sein Herz so klopfte, als wenn er einige Werst aus Leibeskräften gelaufen wäre, war sein Gang doch leicht und sein Gesicht heiter. Bereits dicht an dem Malachowhügel und die Höhe hinaufsteigend, bemerkte er, wie Wlang, der keinen Schritt von ihm wich und sich zu Hause so tapfer gezeigt hatte, beständig auf die Seite ging und den Kopf beugte, als wenn all die Bomben und Kanonenkugeln, die hier schon sehr häufig pfiffen, gerade auf ihn zugeflogen kämen. Einige Soldaten thaten dasselbe, überhaupt drückte sich auf den meisten ihrer Gesichter wenn auch nicht Furcht, so doch Unruhe aus. Diese Umstände beruhigten und ermutigten Wolodja vollständig.

»So bin denn auch ich auf dem Malachowhügel, den ich mir tausendmal schrecklicher vorgestellt habe! Und ich gehe auf ihm, ohne mich vor Kanonenkugeln zu bücken und bin weit mutiger als andere ... Also bin ich kein Feigling?« dachte er mit Vergnügen, ja mit einem gewissen Entzücken des Selbstbewußtseins.

Aber dieses Gefühl wurde bald erschüttert durch das Schauspiel, das ihm entgegentrat, als er in der Dämmerung auf der Kornilowbatterie den Befehlshaber der Bastion aufsuchte. Vier Mann Matrosen standen an der Brustwehr und hielten einen blutigen Leichnam ohne Stiefel und Mantel an Füßen und Händen und schwenkten ihn hin und her, um ihn über die Brustwehr zu werfen. (Am zweiten Tage des Bombardement hatte man nicht überall die Körper auf den Bastionen sammeln können und warf sie in den Graben, damit sie auf den Batterien nicht hinderten.) Wolodja erstarrte einen Augenblick, als er sah, wie der Leichnam auf der Höhe der Brustwehr aufschlug und dann von dort in den Graben kollerte; aber hier traf ihn zum Glück der Befehlshaber der Bastion, erteilte ihm Befehle und gab ihm einen Führer nach der Batterie und der für die Bedienungsmannschaft bestimmten Blindage mit. Wir wollen nicht erzählen, wie viel Gefahren, Enttäuschungen unser Held an diesem Abend noch erlebt hat: wie er, statt den Schießübungen auf dem Wolkowofeld unter allen Bedingungen der Pünktlichkeit und Ordnung, die er hier zu finden erwartete, zwei außer Stand gesetzte Mörser fand; die Mündung des einen war durch eine Kanonenkugel platt geschlagen, der andere stand nur auf den Splittern einer zerschossenen Plattform, und vor dem Morgen waren keine Arbeiter zu erlangen, um die Plattform ausbessern. Nicht ein Geschoß hatte das Gewicht, das das Handbuch vorschrieb. Hier wurden zwei Soldaten seines Kommandos verwundet, und er selbst war zwanzigmal während dieses Abends um ein Haar dem Tode nahe. Zum Glück war zu seiner Hilfe ein Kommandor von hünenhafter Gestalt bestimmt worden, ein Seemann, der von Anfang der Belagerung bei den Mörsern diente; dieser überzeugte ihn von der Möglichkeit, aus ihnen zu schießen, führte ihn nachts mit einer Laterne auf der ganzen Bastion, wie in seinem Garten, herum, und versprach, bis zum Morgen alles in Stand zu setzen. Die Blindage, zu der ihn sein Führer geleitete, war eine in steinigem Boden ausgegrabene, zwei Klafter lange und mit ellendicken Eichenbalken bedeckte längliche Grube. Hier quartierte er sich mit seinen sämtlichen Soldaten ein. Kaum hatte Wlang die niedrige, eine Elle hohe Thür der Blindage gesehen, als er kopfüber allen voran auf sie zulief, stark an die eiserne Decke anrannte und sich in einem Winkel versteckte, aus dem er nicht mehr hervorkam. Wolodja dagegen schlug, als alle Soldaten sich längs der Wände auf den Boden gelagert und einige ihre Pfeifen angezündet hatten, sein Bett in einer Ecke auf, zündete Licht an und legte sich, eine Cigarette rauchend, auf seine Pritsche. Über der Blindage hörte man ununterbrochen Schüsse, die aber nicht sehr laut tönten, ausgenommen die einer in der nächsten Nähe stehenden Kanone, die mit ihrem Donner die Blindage erschütterte. In der Blindage selber war's still; die Soldaten, die sich vor dem neuen Offizier noch scheuten, sprachen nur bisweilen miteinander, indem der eine den andern bat, etwas Platz zu machen oder ihm Feuer für die Pfeife zu geben. Eine Ratte nagte irgendwo zwischen den Steinen. Wlang, der noch nicht zu sich gekommen war und sich noch scheu umsah, seufzte auf einmal laut. Wolodja, auf seinem Bette in dem stillen, dichtbevölkerten, nur von einer Kerze erhellten Winkelchen, empfand dasselbe Gefühl des Glückes, das er damals gehabt hatte, wo er als Kind beim Versteckenspiel in den Schrank oder unter Mamas Kleid gekrochen war, und horchte mit verhaltenem Atem auf, ängstigte sich in der Finsternis und war zugleich voll freudiger Erwartung. Es war ihm schwer und heiter zugleich zu Mute.

XXI

Im Laufe einer Viertelstunde fühlten sich die Soldaten heimisch und wurden gesprächig. Dem Licht und dem Bette des Offiziers am nächsten hatten sich die bedeutenderen Leute gelagert: zwei Feuerwerker, der eine ein grauhaariger Alter mit allen Medaillen und Kreuzen, ausgenommen das Georgskreuz; der andere, ein junger Mensch und Soldatenkind, der gedrehte Cigaretten rauchte. Der Trommler hatte, wie überall, die Obliegenheit auf sich genommen, den Offizier zu bedienen. Die Bombardiere und die Reiter saßen in der Mitte; und dort im Schatten am Eingange hatten sich die »Gehorsamen«[F] untergebracht. Unter diesen begann auch das Gespräch. Die Veranlassung dazu gab der Lärm, den ein in die Blindage stürzender Mensch verursachte.

[F] S. »Der Holzschlag« II. Anm. d. Herausg.

Weshalb bist du nicht auf der Straße geblieben, Brüderchen? ... Singen denn die Mädchen nicht lustig? fragte man ihn.

Sie singen so wunderbare Lieder, wie man sie auf dem Lande niemals gehört hat ... entgegnete lachend der Mann, der in die Blindage gekommen war.

Ah, Waßin hat die Bomben nicht gern, sagte einer aus der Aristokratenecke, – ach, er hat sie nicht gern!