Der andere Offizier hatte es mit einem Male eilig. Er sah auf die Uhr und sagte zu seinem Kameraden: »Well, we are in a hurry (wir haben Eile).« Der untersuchende Offizier erhob sich, klappte die Bücher zu und bemerkte: »Well, captain, your papers are all right. Aber Sie haben ein bis anderthalb Stunden zu warten, bis Sie das Signal zum Weitersegeln bekommen.«
Wie der Offizier hinausgehen will, zeigt er auf Schnäuzchen: »Looks like a german dachshound!« (Der sieht aus wie ein deutscher Dachshund.)
Ich denke: Ach Gott, laß den nur auf Jeanettes Füßen liegen. Wenn du nicht mehr Deutsche gefunden hast als den Dachshund dann ist ja alles gut. Wir kommen auf Deck, die Engländer gehen zu ihrem Boot, ich jage rasch den Priem über die abgelegene Bordwand und fühle mich in jeder Hinsicht erleichtert. Aber die ernstesten Augenblicke standen erst bevor.
»Sie müssen anderthalb Stunden warten!« Während ich die Offiziere nach dem Boot hinbringe, hat ein Pessimist die Worte aufgefangen und sagt vor sich hin: »Na, dann ist alles verloren.« Meine Leute unten im Schiff sitzen unter Kommando von Leutnant Kircheiß in größter Spannung, wie die Untersuchung abläuft, und lauschen auf alles, was sich oben abspielt. Sie fangen das Wort auf: »Alles verloren!« und geben es weiter; von achtern, mittschiffs nach vorn pflanzt der Ruf sich von Mund zu Mund fort. Die sieben Minuten brennende Zündschnur wird angeschlagen, um das Schiff in die Luft zu sprengen. An Deck ahnt man nicht, daß unten im Schiff die Zündschnur glimmt. Im Gegenteil, man ist so befriedigt, daß alles glücklich abgelaufen ist. Mit einem Händedruck verabschiedet sich der feindliche Offizier, nochmals mit der Bemerkung: »Also, Sie warten, bis Signal vom Kreuzer kommt zur Weiterreise.«
Mein erster Offizier Kling mit seiner viereckigen Polarfigur und seinen achtzehn Wörtern Norwegisch, die er mit Kunst anbrachte, drehte dem Feind den Rücken und gab den Matrosen Anweisung für die Takelage. Als die Offiziere im Boot sitzen, entsteht eine peinliche Situation: man kann ein Segelschiff nicht so auf der Stelle halten wie einen Dampfer, der einfach seine Schraube stoppt, sondern es wird immer mit langsamer Fahrt vorausgehen. Das Boot der Engländer, das dicht an unserer Schiffswand liegt, kommt nicht frei, es wird vom Schiff angesogen und treibt nach achtern heraus. Welche ungeahnte Gefahr erhob sich in diesem Augenblick! Wenn der Feind nach hinten ans Heck kam, mußte er die Schraube des Schiffes sehen. Ein Segelschiff mit Propeller, das mußte uns verraten! Davon war nichts vermerkt in unseren Papieren, daß wir einen 1000pferdigen Motor im Leibe hatten!
Jeden Glauben meiner Leser an Geistesgegenwart bei meinem jetzigen Handeln weise ich zurück; Verzweiflung war alles. Ich laufe nach hinten, ergreife ein x-beliebiges Tau und lasse es möglichst ungeschickt über den Köpfen der Feinde hin- und herbaumeln, damit sie besser von der Bordwand freikommen sollten: »Take that rope, mister officer, nehmen Sie dieses Tau!« Die Folge war, daß die Feinde nach oben schauten, um von dem Tauende nicht getroffen zu werden, und dadurch wurden ihre Blicke von unten weggerissen, von der Schraube abgelenkt. Das Boot kommt frei. Der Offizier dankt mir noch einmal für meine Hilfsbereitschaft und ärgerlich, daß seine Leute im Boot nicht schneller von der Bordseite absetzten, ruft er: »I only got fools on my boat.« (Ich hatte nur Narren in meinem Boot.) Ich dachte: »Ja, da hast du recht und bist selbst nicht schlecht zum Narren gehalten.« Aber der Mann hatte nur seine Pflicht erfüllt, und ich wäre wohl an seiner Stelle ebenso hereingefallen. Eine britische Akademie hat freilich hinterher in einer Sitzung über Sprachstudien erklärt, daß der Hereinfall nur möglich gewesen sei infolge der bemerkenswerten britischen Unkenntnis fremder Sprachen.
Wie atmet man auf, daß die Gefahr abgewendet war. Man läuft schnell nach unten, um den Kameraden, die im Heldenkeller, abhängig von unserem Spiel, auf das Gespannteste warten, mitzuteilen, wie befriedigt der Feind abgezogen ist. Als ich mit dem Stiefelabsatz auf die geheimnisvolle Luke trete und rufe: »Macht auf!« erhalte ich keine Antwort. Ich rufe noch einmal: »Macht auf!« Plötzlich höre ich den Ruf: »Flutventile auf, Schieber auf!« Was ist das? Was ist da los? Sind die verrückt geworden? Ich rufe noch einmal, auf die Luke tretend: »Macht auf, alles klar!« Da öffnet einer die Luke und ein verstörtes Gesicht sieht mich an, der Mann läuft weg, und ein Rennen beginnt von achtern, mittschiffs nach vorn. Was ist los? Ich kann nicht verstehen. Endlich erfahre ich: Sie laufen, um die Flutventile zu schließen und die Zündschnur abzuschneiden, die das Schiff in drei Minuten in die Luft sprengen sollte. Wie ist einem da zumute! Die Zündschnur? Angeschlagen? Das Vorkommnis zeigte, wie auch die besten Vorkehrungen im Kriege durch plötzliche Verwirrung zunichte gemacht werden können. Aus dem Schreckensruf »Alles verloren!« hatten die Leute geglaubt, schließen zu müssen, daß wir verraten wären, und im Gedanken an die gefechtsmäßige Haltung des Hilfskreuzers hatten sie zu der Maßnahme gegriffen, die ein Kriegsschiff trifft, um dem Feind nicht in die Hände zu fallen.
Endlich erfahre ich aus dem Wirrwarr heraus diesen Zusammenhang. Man forscht nach, von wem der Ruf gekommen ist: »Alles verloren!« Man findet den Betreffenden, macht ihm Vorwürfe, wie er dazu komme: »Jawohl, ich habe nichts nach unten gerufen, ich habe nur vor mich hin geäußert: Anderthalb Stunden warten, dann ist alles verloren, das bedeutet Anfrage nach Kirkwall, ob ›Irma‹ ausgelaufen ist. ›Irma‹ gibt’s ja nicht.«
Der Mann hatte recht! Die Papiere waren doch in Ordnung gefunden worden, weshalb also anderthalb Stunden warten? Man eilt an Deck; es ist, als wenn einem das Herz zusammengepreßt würde. Man eilt zum Steuermann; auch der vermutet dasselbe. Wir stellen unsere drahtlose Telegraphie ein, deren Antennen unsichtbar in die Taue verkleidet waren. Im Geist hört man schon die Telefunken sausen: »Ist ›Irma‹ ausgelaufen?« Man hat das Signalbuch und das Glas in der Hand, um sofort das Signal, wenn es hochgeht, zu erkennen. Man bedauert, nicht 25 Finger zu haben, um bei jedem Buchstaben einen Finger hineinzukrallen; der Schweiß der Hand drückt sich in die Seiten des Buches. Man stiert auf den Kreuzer, hängt förmlich an der Bordwand: Retten wir unsere Planken? Man spürt jetzt die schlaflosen Nächte, die Kräfte versagen. Die Minuten werden zu Viertelstunden. Da plötzlich geht ein Signal hoch. Man reißt das Glas an die Augen, aber die Hand tattert, man sieht kein Signal, sondern drei, vier Kreuzer flimmern. Mein Adjutant nimmt das Glas; auch er kann nicht sehen. Da nimmt der alte ruhige Lüdemann das Glas, legt es bedächtig auf die Reeling und hält das Signalbuch in der Hand. Man hängt förmlich an seinen Augen. Was sieht er, was wird er sprechen? Die Nerven können nicht mehr, man hat sich zusammengerissen, jetzt ist’s, als wenn alles auseinander fliegt. Endlich hat er das Signal erkannt.
»T M B«