Er gefiel mir nicht.
»Min Jung, dat is ganz egal,« sagte oll Pedder und klopfte mir auf die Schulter, »ob dat en dütschen odern engelschen Schip is oder ’n Russen is, dat blievt sick glik. Seefahrt is överall datsülwige. So, min Jung, nu wüllt wi an Land gahn un di ’ne Utrüstung besorgen.«
Er machte sich landfein, schloß sein Häuschen ab und wankte mit mir nach Hamburg hinüber.
Es waren noch etwa 90 Mark, die ich hatte. Davon kaufte er bedächtig prüfend alles ein, was ich brauchte, warmes Zeug, Ölzeug, Messer mit einer Scheide und eine sachgemäße Pip mit Tobak. Wie war ich stolz. Aber für eine Seekiste und für einen Seesack langte es nicht mehr. Oll Pedder sagte: »Ick gew’ di min Seekist, mit de ik all 25 Johr um de Welt seilt bin. Ick hev damit glücklich fohren, un dat sallst du ok.«
Wir biegen in eine schmale, graue Straße im ältesten Hamburger Hafenviertel, in den »Brauerknechtsgraben« ein. Eine schmale, steile Holztreppe führt nach oben. Peter steigt schwer, sich an dem Geländer festhaltend, hinauf. An der Tür steht auf einem Messingschild »Peter Brümmer«. Er grabbelt umständlich nach seinem Schlüssel, fühlt mit dem Finger nach dem Schlüsselloch und schließt auf. »So, min Jung, hier bin ik to Hus, komm mal rin.« Zunächst fällt mir ein geschwärztes Dreimastvollschiff an der Wand auf, das ich anstaune. Ich frage: »Pedder, hast du das gemacht?«
»Ja, min Jung.«
Ferner hing ein ausgestopfter fliegender Fisch an der Decke, ein auf Segeltuch gemaltes Schiff mit einem selbst an Bord verfertigten Rahmen an der Wand, auf der Kommode standen verschiedene chinesische Sachen und sonstige Reiseerinnerungen. In der Ecke stand ein Käfig mit einem Papagei, der ziemlich zerrupft war und ebenso alt aussah wie Pedder. »Ja,« sagt er, »den hew ik von Brasilien mitbröcht, de snackt blot span’sch.« Dann: »Hier is min Kist.« Er schloß die Kiste auf, kramte aus und zeigte mir noch verschiedenes, was er früher an Bord an Flechtwerk gemacht hatte, packte alles bedächtig heraus und bemerkte: »Min Jung, de Kist’ swemmt, de hölt waterdicht.« Während er meine Sachen in die Kiste verstaut, werde ich auf das bescheidene Sofa genötigt, dessen Bezug mit weißen Porzellanknöpfen angenagelt war. Als die Kiste gepackt war, trugen wir sie gemeinsam an den Griffen zum Hafen hinab.
Nachdem ich den letzten Tag ganz mit ihm verbracht hatte, fuhr er mit mir an Bord. Er führte mich an die Koje, wo ich schlafen sollte, packte Matratze und Keilkissen hinein und sagte: »Un noch eins, min Jung, een Hand för ’t Schip un een Hand för die sülwsten[3].«
Dann gab er mir noch den Rat, nicht unter meinem Namen zu fahren. Als Graf ginge das nicht. »Dat is all datsülwige, as wenn en Oldenburger Faut (Fuß) in Pariser Schohtüg (Schuhzeug) sett.« Wie denn meiner Mutter Mädchenname hieße. Danach riet er mir, ich sollte mich Luckner genannt Lüdicke nennen. Das war fortan mein Name, sieben lange bunte Jahre hindurch. Pedder drückte mir zum Abschied die Hand mit den Worten: »Min Jung, verget din oll Pedder nich!« Das Schiff warf los. Der Schlepper war vorgespannt, und oll Pedder wriggte neben dem sich langsam in Bewegung setzenden Schiff bis nach St. Pauli Landungsbrücken. »So, min Jung, wider kann ik nich,« und mit Tränen in den Augen: »Goode Reis’ nah Australien. Min Jung, ik seh di nie wedder, du geihst mi doch nah.« Ich wollte was sagen, aber die Tränen kullerten mir runter. Ich hatte nicht Heimweh nach Hause, aber nach meinem alten, braven Seemann. Wie ich nachher die Kiste aufmache und sehe, wie er alles gepackt hat, da liegt ein Bild von ihm obenauf mit einer Widmung drauf: »Verget din Pedder nich.« Ne, min oll, good Pedder, ik verget di nich!
Ich verstand nichts von der Sprache der Leute auf dem Schiffe und der Kapitän zeigte auch bald böse Miene, denn ich war natürlich sehr unbeholfen. Der Steuermann, der etwas englisch sprach, fragte, was mein Vater wäre.