Der Kapitän und seine Frau sehen durch die Gläser, dann schlägt er das Signalbuch nach. Wie er hineingeblickt hat, kommt er schnell wieder mit dem Glas hoch und gewahrt jetzt die deutsche Kriegsflagge.
Er läßt das Glas fallen. »By Jesus Christ! Such a catch!«
Eine schöne Neuigkeit vom Krieg. Wir hatten die Geschützpforten bereits heruntergerissen, und die Mündung der Kanone schwankte hin und her. Die Frau, entsetzt, läuft in die Kajüte, der Rudersmann nimmt Reißaus und die vielen neugierigen Gesichter an Deck sind wie weggepustet. Nur der Kapitän wahrt seine Selbstbeherrschung, ließ sein Schiff beidrehen und machte alles andere von uns abhängig. In Erwartung, wieder neue Gäste zu bekommen, herrschte unter unseren Gefangenen große Freude. Besonders die kleine Frau von dem kanadischen Schoner freute sich, daß sie nun außer unserer Jeanette nicht mehr die einzige Frau an Bord sein sollte. Sie kleidete sich besonders nett, ein Bukett aus Kunstblumen aus der Kajüte, um das sie bat, wurde ihr gegeben. Wie überrascht war die Frau des neuen Kapitäns, als sie von einer Dame begrüßt wurde, die ihr einen Blumenstrauß überreichte, und wie angenehm berührt, eine solch lustige Gesellschaft vorzufinden.
Das Schiff hieß »British Yeoman«; sie kam von Amerika, hatte wundervolle Proviantausrüstung und sehr viel lebendes Viehzeug an Bord, Schweine, Hühner, ein Kaninchen und eine Taube. Diese hieß bei uns die Friedenstaube, war außerordentlich zahm und ist auch später bei uns geblieben. Zwischen Taube und Kaninchen bestand ein merkwürdiges Freundschaftsverhältnis. Die Taube ging nicht von dem Kaninchen weg, und wenn es sich einmal zu weit entfernte, trommelte sie es stets zurück, worauf es auch sofort gehorchte. Als Quartier hatten sie sich Piperles Hundehütte ausgesucht. Dieses Sonnentierchen schien am glücklichsten über die neuen Bordgäste, besonders als es sah, daß sie ihr Heim in seiner Hütte aufgeschlagen hatten. Er leckte das Kaninchen, wodurch er anfangs allerdings die Eifersucht der Taube erregte. Aber der Freundschaftsbund der drei war bald geschlossen. Man hat kaum je im Leben etwas gesehen, das einen so herzlich berührt hätte als das Zusammenleben der drei Tiere, wie sie, Piperle das Kaninchen zwischen seinen Schenkeln, die Taube auf seinem Rücken, zu dritt in der Hütte schliefen. Schnäuzchen als verschmitzter Teckel machte ständig Versuche, Kaninchen oder Taube heimlich zu verspeisen oder wenigstens anzuknabbern. Trotz der Warnungen, die sie erhielt, versuchte sie nachts, blutige Abenteuer zu erleben, und es wäre ihr einmal tatsächlich gelungen, wenn nicht Piperle ihr knurrend den Eintritt in die Hütte verwehrt hätte. Mit der Zeit aber hat auch sie sich an die beiden neuen Bordgäste gewöhnt, und wenn sie sich auch nicht gerade mit ihnen anfreundete, so waren sie doch wenigstens vor ihr sicher.
In acht Wochen hatten wir 40 000 Tonnen Schiffsladungen versenkt. Unser Schiff war voll: 263 Gefangene an Bord. Es war ein rasch heranblühendes Gemeinwesen. Alles fühlte sich wohl, Unterschiede wurden nicht gemacht, es gab gleiche Kost auf dem ganzen Schiff für Gefangene, Mannschaften und Offiziere. An Bord ist nicht das geringste vorgefallen. Keiner der Gefangenen muckte auf, obwohl wir uns stets ohne Waffen bewegten. Ich hätte für zweihundertsechzig Deutsche von der Art meiner Jungs in solcher Lage nicht bürgen mögen, daß sie nie etwas gegen den Feind versuchen würden. Aber die Achtung vor meinen Jungs verlieh uns unbedingte Sicherheit.
»... Es war ein rasch heranblühendes Gemeinwesen.«
(Der erste Teil unserer Gefangenen.)
Da wir indes abhängig vom Proviant waren, mußten wir daran denken, die Bevölkerungszunahme zu stoppen, denn die Masse zehrte sehr an unsern Wasserbeständen, von denen unsere weitere Kreuzerfahrt abhing. Das nächste Schiff, die französische Bark »Cambronne« benutzten wir also, um unsere Gefangenen darauf in Freiheit zu setzen. Wir hatten die »Cambronne« überholt und zunächst geprüft, ob sie geeignet wäre, so viele Gefangene an Bord zu nehmen. Der Entschluß wurde gefaßt, daß sie als Freiheitsschiff Verwendung finden sollte. Als wir dies dem Kapitän mitteilten, der schon alles verlorengegeben hatte, war er so erstaunt, daß er kaum wagte, seine Freude zu äußern.
Eine schwierige Frage war, wer von den 12 Kapitänen, die wir an Bord hatten, das Kommando auf der »Cambronne« übernehmen sollte. Auf Vorschlag meiner Offiziere wählte ich den ältesten, Kapitän Mullen von der »Pinmore«, entschieden auch den tüchtigsten. Da es nun ein englischer Kapitän war, wurde die Trikolore heruntergeholt und die englische Flagge gehißt, was eine ziemliche Verbitterung unter den Franzosen gab, denn wir hatten ja mehr Franzosen als Engländer an Bord. Alle Gefangenen wurden abgelohnt, und zwar erhielten sie in deutscher Währung dasselbe Gehalt weiter, das sie in der ihrigen bekommen hatten. Schiffsweise wurden sie nach der »Cambronne« hinübergesetzt, nachdem sie herzlichst von meinen Leuten Abschied genommen hatten. Jedes Boot, das abgesetzt worden war, brachte drei Hurras auf den »Seeadler« aus. In der Kajüte gaben wir den jetzt in Freiheit steuernden Kapitänen eine Abschiedsfeier, und mit herzlichem Händedruck schieden sie dann, nochmals versichernd, daß sie der Welt mitteilen würden, wie gut sie’s gehabt und welch ganz andern Eindruck sie von uns mitnähmen, als sie bisher durch Pressemitteilungen erhalten hätten.