Sechzehntes Kapitel.
Auf Motuihi.
Was wir auf dem Schiff und in allen möglichen Übergangsgefängnissen durch Gleichgültigkeit wie auch Bosheit des Wachpersonals oder der anordnenden Stellen gelitten haben, wäre bitter zu erzählen. Ich will aber nur einzelne Episoden herausgreifen. Kircheiß und ich wurden von unsern vier treuen Gefährten getrennt. Ihnen ist auf Somes Island ein hartes Los zuteil geworden unter dem quälerischen Lagerkommandanten, Major Matthis. Dieser war als Turnlehrer wegen Mißhandlung eines Kindes vorbestraft und geistig nicht normal, dafür aber ein Freund des Kriegsministers Sir James Allen.
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
»... Kircheiß und ich wurden von unsern vier treuen Gefährten getrennt.«
Kircheiß und ich wurden mit einem Motorboot nach Devonport zur Torpedo Yard gebracht. Der Kommandant, Kapitän Kewisk, hatte sich zu diesem Empfang extra beurlaubt und dem Unteroffizier, dem wir übergeben wurden, befohlen, irgendwelche Beschwerden nicht anzunehmen. Die Art der Engländer war uns ja aber schon zur Genüge bekannt. Die Torpedo Yard ist ein Teil der Hafenbefestigung Aucklands. In einen großen Minenschuppen war eine Reihe kleiner Abteile eingebaut, die als Haft- und Arrestzellen namentlich für Deserteure und Maoris dienten. Man gab uns je einen schmutzigen Strohsack und einige Decken und riegelte uns dann in diese Zellen ein, aber so getrennt, daß wir nicht miteinander in Verbindung treten konnten.
Mandolinenklänge, deutsche Volkslieder sagten mir bald, daß noch ein Deutscher hier gefangen sein müßte. Es schien, daß die Töne aus der gegenüberliegenden Baracke kämen. Und da hörte ich dann, wie ein Landsmann seiner Katze erzählte, daß unser Besuch seit acht Tagen angemeldet wäre und die ganze Besatzung in Aufregung versetzt hätte, daß man aber glaube, der »Seeadler« könne nicht aus Wilhelmshaven kommen; der Pirat wäre wohl auf eigne Faust aus Südamerika ausgelaufen. Die Katze verstand offenbar sächsisch; ich auch, und als ich dies durch Räuspern kundgegeben hatte, fuhr die Stimme fort und berichtete alles Wissenswürdige.
Später erfuhr ich, daß dieser unsichtbare Mandolinen- und Katzenbesitzer ein Regierungsbeamter (Lehrer und Amtmann) aus Samoa war, Franz Pfeil, ein wackerer, aufrechter Anhaltiner, der eine dreijährige Festungshaft wegen Flucht verbüßen mußte. Er war kurz nach Besetzung der Samoainseln durch die Neuseeländer unter großen Schwierigkeiten nach dem amerikanischen Pago-Pago geflohen; und zwar war er als blinder Passagier, zwischen den Ankerketten des Motorschoners »Manna« verstaut, glücklich entkommen. Aber mit Verletzung jedes Völkerrechts lieferten ihn die damals noch neutralen (!) Amerikaner an die Neuseeländer in Apia aus. Seine Proteste wurden unterschlagen. In Apia wollte man ihn zuerst erschießen, verurteilte ihn dann aber durch Kriegsgericht unter Vorsitz des Majors Turner, unseres späteren Kommandanten von Motuihi, zu drei Jahren Gefängnis! »Wegen das Verbrechen der bekanntgemachten Anordnungen, die das kommandierende Offizier der okkupierenden Truppen im Schutzgebiet Samoa ausgab. In das er In Apia in die Nacht von 28. Oktober 1914 an Bord des Motorschuners ›Manna‹ geganen und darauf nach dem Amerikanischen Port von Pago-Pago gefahren ist, ohne zuerst das erlaubnis ein ermächtigter Offizier schriftlich zu behalten als bei die Bekanntmachung des neun und zwanzigsten August 1914 angewiesen war.« So lautete das Pfeil auf »deutsch« zugestellte Urteil.