Als wir Seeadlerleute auf Motuihi ankamen, die wir doch auch schon fast ein Jahr von der Heimat entfernt lebten, wurde uns von den Landsleuten die Seele fast aus dem Leibe gefragt, und es gelang uns, durch Berichte von daheim manch schwerumdüstertes Gemüt etwas aufzuhellen.
Der Lagerkommandant, Oberstleutnant Turner, war unendlich stolz, endlich richtige Kriegsgefangene zu bekommen, und diesem Angehörigen eines demokratischen Landes schmeichelte es merkwürdigerweise besonders, sich recht öffentlich mit seinem »Count« zu zeigen. Ich benutzte diese kleine Schwäche und arbeitete mich in sein Vertrauen hinein. Denn ich hatte einen bestimmten Plan, den vorerst im Lager niemand ahnen durfte, außer Kircheiß und meinen Freunden v. Egidy und Osbahr, zwei deutschen Regierungsbeamten aus Samoa, die ich im Lager kennen lernte, und denen ich bald manchen Rat zu danken hatte.
Exzellenz Dr. Schultz als »Honoured Guest of the New-Zealand Government«.
(So wurde ein deutscher Gouverneur den Austauschverträgen zuwider festgehalten.)
Als ich mit beiden meinen ersten Spaziergang machte, fiel mir ein wunderhübsches Motorboot ins Auge. »Wem gehört das?« fragte ich. »Das steht dem Lagerkommandanten zur Verfügung.« »Das Boot ist mein; damit fahre ich los«, war meine unwillkürliche Antwort. Insel ... Motorboot ... allerlei Möglichkeiten sausten durch das Gehirn, und mein Entschluß stand fest. Aber nur nichts unternehmen, bevor man nicht Herr der Situation war. Wir durften uns auf der Insel ziemlich frei bewegen, mußten aber bis abends 6 Uhr ins Lager zurückgekehrt sein. Überall waren Wachtposten aufgestellt. Nach dem ersten Eindruck zu urteilen, waren wir gut bewacht.
Zu einem ernsthaften Fluchtversuch gehörten so umfangreiche Vorbereitungen, daß die Neugier der Lagerkameraden mir das größte aller Hindernisse schien. Insbesondere war da ein naturalisiertes Subjekt, ein österreichisch-polnischer Arzt, hochintelligent, aber verkommen, der für die neuseeländischen Behörden den Spitzel machte. Ihn galt es zuerst einzuwickeln. Ich hatte durch die Bootsfahrt und die Gefängnisse körperlich gelitten und war sichtlich angegriffen. Rheumatismus ist bekanntlich die Krankheit, die man objektiv nicht nachweisen kann. Wunderbarerweise war ich trotz aller Strapazen von ihr verschont geblieben, aber wer durfte es bezweifeln, wenn es mir nun nach allen Regeln der Kunst anfing vom Nacken den Rücken herunter zu ziehen? Vielleicht bekam ich sogar Ischias. Jedenfalls war der Österreicher besorgt und meinte, das käme davon und mein Lebenswandel rächte sich nun. An Regentagen, wo ich draußen nichts anfangen konnte, legte ich mich ganz zu Bett und stöhnte. Bei schönem Wetter ging es etwas besser. Unser Zimmermann machte mir ein paar Krücken, mit denen humpelte ich dann aus dem Bett: »Es ist zu schönes Wetter, ich will hinaus.« Osbahr warnte mich manchmal, ich möchte nicht zu sehr übertreiben. Aber der Doktor versicherte mir, ich müßte furchtbare Schmerzen haben, versuchte mir allerlei Erleichterungen zu verschaffen und pinselte mich mit Jod ein. Der Lagerkommandant kam an: »Armer Graf!« und hatte großes Mitleid. Hinter meinem Rücken sagte er zwar beruhigt: »Gott sei Dank, daß er Rheumatismus hat. Er ist ein gefährlicher Bursche. So kann er wenigstens nichts machen.« Man glaubte mir aber alles. Gelegentlich sagte Turner scherzend zu mir: »Well, count, you will not run away, you know, I am Colonel; if you run away, I loose my job.« (Wenn Sie weglaufen, verliere ich meinen Posten.)
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)