Das Schiff sauste mit acht Meilen Fahrt davon. Ich komme am Heck hoch, im Kielwasser, das mich umdreht, sehe eine mir nachgeworfene Rettungsboje und höre noch den Ruf: »Mann über Bord«, dann verschwand ich im Wassertal und sah nichts mehr von dem Schiff.
Als ich nach Minuten, die einer Ewigkeit glichen, wieder hochgeworfen wurde, erblickte ich das Schiff weitab. »Das Schiff kriegst du nicht wieder, aber vielleicht kommt ein anderes.« In solch unbegreiflichen Hoffnungen wiegte einen der liebe Wunsch zu leben. Als ob gerade auf dem weiten Ozean ein Schiff da entlang kommen müßte, wo ich ins Wasser gefallen war.
Um mich her flatterten die Albatrosse, jene riesigen Seevögel, die immer des Glaubens sind, alles, was im Wasser liegt, sei für sie zum Fressen da. Sie stießen auf mich zu, einer, der dicht an mir vorbeistrich, kriegt mich mit dem Schnabel an der ausgestreckten Hand zu fassen, ich will ihn festhalten ... in der Angst des Ertrinkens klammert man sich an allem fest, sogar an einem Vogel ... da hackt er mir jene tiefe Wunde, deren Narbe ich noch als Andenken an jenen Kampf im Wasser trage, in die Hand.
Ich löste die Stiefel und das Ölzeug von mir; der Sweater aber, der sich vollgesogen hatte, ging nicht ab. Da fielen mir die Worte meiner Mutter ein, die einmal, als ich von meiner Neigung zur See sprach, gesagt hatte: »Da hast du dir den richtigen Beruf erwählt; du wirst nichts weiter werden als Haifischfutter.« Als mir jetzt beim Wassertreten diese Worte durch den Sinn gingen, stieß ich zufällig mit dem einen Fuß gegen den andern. Mich durchzuckte die Vorstellung, das wäre ein Hai, der mich faßte. Das traf mich wie ein Nervenschlag. Ich wußte nicht mehr, wie mir geschah und was vor sich ging, bis ich plötzlich auf einem Wellenkopf hoch über mir ein Boot sah, das im gleichen Augenblick schon tief unter mir vorbeiglitt. Ich schrie: »Hier, hier.« Es war der Steuermann.
Bald saß ich zitternd im Bug des Bootes, und die stämmigen Matrosen ruderten zum Schiff zurück. Blutüberströmt von meiner Wunde erzählte ich dem Steuermann den Zweikampf im Wasser. Da meinte er, den Albatrossen hätte ich mein Leben zu verdanken, denn sie allein hätten ihm angegeben, wo ich war. Man hatte zuerst den Rettungsgürtel gefunden, dann mich.
Die Matrosen waren sichtbar erfreut, mich gerettet zu haben, und selbst dachte ich bei mir, wie wird sich erst der Kapitän freuen, daß er mich wieder hat. Er geht auf dem Achterdeck hin und her, siedend vor Wut. Er schreit mir entgegen: »Du verfluchter Deutscher, ich wollte, du wärest versoffen. Sieh, wie die Segel kaputtgegangen sind durch deine Untauglichkeit.«
Wir kamen längsseit des Schiffes, aber jetzt begann erst die Hauptaufgabe, das Boot wieder an Bord zu bringen. Wenn das Schiff herunterstampfte, wurde das Boot hochgedrückt, und wenn das Schiff hochging, wurde das Boot nach unten gezogen. So tanzte es immer hin und her, und man bemühte sich vergebens, die Bootstaljen hineinzubekommen. Ich war so aufgeregt, daß ich, wie das Boot höher als die Reeling stand, hinübersprang auf Deck und bewußtlos zusammenbrach.
Schwere See.