(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Austernklippe auf Motuihi.
Von der Ankunft des Kommandanten bis zu unserer Abfahrt war kaum eine Viertelstunde vergangen. Da das kleine Beiboot der Barkasse unsere Geschwindigkeit minderte, wurde es in sicherer Entfernung von der Insel abgekappt. Dieses Beiboot wurde der erste Anlaß zur Entdeckung unserer Flucht. Mein Freund Osbahr, der diesen Abend auf Motuihi miterlebt hat, schreibt darüber:
»Als der Graf abgefahren war, herrschte eine furchtbare Stille unter den Eingeweihten, während sonst zur Essenszeit das Leben sprudelte. Der Bissen quoll uns im Munde. Wir warteten auf Schüsse, aber es kamen keine. Einige der Eingeweihten konnten ihre Aufregung nicht bemeistern und eilten auf die Klippe. Aber schon war das Motorboot nicht mehr zu sehen. Dann kam die Nachricht, das abgetriebene Beiboot schwömme draußen herum. Nun begann auch den Ahnungslosen etwas zu dämmern und es wurde festgestellt, wer fehlte. Nun galt es für uns Eingeweihte, die anderen zur Ruhe zu ermahnen, damit unsere Freunde Vorsprung gewönnen. Dies Bestreben wurde durch die Einfalt des neuseeländischen Feldwebels begünstigt, der leicht davon zu überzeugen war, daß das Beiboot durch einen Zufall abgetrieben wäre und die Leute in der ›Perle‹ nochmal Anker aufgegangen wären, um das Beiboot zu suchen. ›Die Deutschen suchen ganz in falscher Richtung. Wenn man nicht aufpaßt, dann sind diese dummen Deutschen doch zu gar nichts zu gebrauchen,‹ sagte der Feldwebel.
So verstrichen einige Stunden. Am späteren Abend ließ der Kommandant den Grafen bitten, um ihn seiner Tochter vorzustellen. Als man ihn nicht fand, wurde Mister Turner doch unruhig. Er suchte sich selbst zu trösten. ›Der Graf hat wohl einen Ausflug am Land gemacht, um eine Abwechslung zu haben. Er ist ja so rheumatisch, der läuft nicht weg. Außerdem hat mein Boot nur für einen Tag Benzin.‹ Schließlich ging er an den Fernsprecher, um dem Hauptquartier die unangenehme Mitteilung zu machen. Das Telephon ging aber nicht! Jetzt wird die Sache brenzlich. Es bleibt nichts übrig, als mit Morsesignalen Verbindung mit drüben zu suchen. Aber die drüben nehmen nichts auf, denn der Morseapparat funktionierte ja dank unserer Vorbehandlung auch nicht. Nun wird ein großes Petroleumfeuer als Zeichen angezündet. Noch keine Antwort vom Land. Endlich steigen drüben Raketen auf: Sie haben also verstanden? Aber die Zeit vergeht, eine, zwei, drei Stunden, kostbar für den Grafen. Keine Antwort kommt. Die Raketen stammten nämlich von einem Privatfeuerwerk, das zufällig in Auckland angebrannt wurde. Erst um halb ein Uhr nachts schöpfte man in Auckland drüben Verdacht, da das übliche telephonische Mitternachtssignal ausblieb. Man hatte sich ja im Hauptquartier überhaupt nur auf Nachtgefahren eingestellt.
Der österreichisch-polnische Doktor merkte jetzt auch, daß er genasführt war, und lief in wütender Stimmung umher. Der Oberstleutnant wagte gar nicht den Namensaufruf anzuordnen, da ihm die Sache zu peinlich vorkam. Sein einziger Trost war, was auch alle Nichteingeweihten dachten: Weit bringt es der Graf doch nicht, es ist zu sehr aus dem Handgelenk gemacht. Von den sorgfältigen Vorbereitungen hatte ja keiner etwas gemerkt.
Bald hatte die Unglücksbotschaft alle Forts erreicht. Schleunigst wurden schnelle Motorboote und kleinere Dampfer mobil gemacht und mit Maschinengewehren ausgerüstet, gegen Morgengrauen die Verfolgung aufgenommen. Viele Sportsleute nahmen mit ihren Fahrzeugen an der Suche teil und die Flotte wuchs am nächsten Tage zu mehreren Dutzend Booten an. Kein Ruhmesblatt neuseeländischer Geschichte: Krank und müde lag bald alles schutzsuchend in den stilleren Buchten des Hauraki-Golfes, während das gejagte Wild sich gegen Sturm und Seegang durchgerungen hatte und an einem Platze lag, den die Verfolger wegen der großen Entfernung nicht anzulaufen wagten. Wie immer in diesem Krieg hatte die deutsche Minderzahl durch höhere Einzelleistung versucht, der Übermacht zu widerstehen. Großer Wirrwarr war entstanden; ein Dampfer auf Felsen gelaufen, Boote hatten sich gegenseitig gejagt und beschossen. Gern wurde das sich bald verbreitende Gerücht geglaubt, die ›Perle‹ wäre gekentert und alle Deutschen ertrunken. Befriedigt kehrte alles in den Hafen zurück, und mancher gestand ein, in so seekranker Verfassung wäre er den Deutschen nicht gern begegnet.«
Soweit der Bericht des Zurückbleibenden.