Ich sollte noch eine sehr peinliche Erfahrung durchmachen, bevor mein brennender Drang, neue Berufe kennenzulernen, sich endgültig legte. Ein Freund vom Schiff, August H., ein Neffe des berühmten Schäfers Ast, aus Winsen an der Luhe, heckte einen Plan aus, an dem ich großen Gefallen fand. Der Leser wird dem, was ich jetzt zu berichten habe, nur mit Kopfschütteln folgen, auch wenn er bedenkt, daß ich noch in dem Alter stand, welches Schülerstreichen eine gewisse Straflosigkeit verleiht, und wenn man hinzurechnet, daß meine Erziehung doch stark aus den Fugen gegangen war und das Herumschweifen unter immer neuen Menschen und Völkern zur Festigung der moralischen Begriffe nicht gerade beitragen konnte. Bei der Erinnerung an jene Tage kecken Schiffsraubs ist klar, daß nicht nur äußere, sondern auch innere Gefahren meine Entwicklung bedroht haben, und daß ich dem Geschick danken muß, das mich durch diese verschlungenen Pfade doch nach oben geführt hat.

Also, mein Freund August und ich fanden es notwendig, einmal aus der abhängigen Stellung an Bord hinüberzuwechseln zu einem selbständigen Beruf, bei dem wir unser eigener Herr waren. Als Ideal erschien uns diesmal das Fischerleben. Die Fische wollten wir schon besorgen, aber es fehlte uns zunächst an einem dazugehörigen Fahrzeug. Es ist keine Fischerei so ergiebig wie bei Vancouver. Ferner mußte ich ein Gewehr haben. Wir wollten heute ein bischen fischen und morgen ein bischen jagen und zugleich ein Schiff haben, damit wir uns sagen konnten, wir hätten eine Heimat. Ein Gastwirt an Land, ein Stettiner, der uns viel von den Rocky Mountains erzählte, hatte uns auch ein Gewehr gezeigt, zwölfschüssig, System »Winchester Rifle«. Er sagte, daß es für drei Dollar zu bekommen wäre. Es stand fest, daß wir ein »Winchester Rifle« haben mußten. Bald waren wir glückliche Besitzer; das Gewehr wurde an Bord versteckt. Wenn wir dann im Schiff den Rost zu klopfen hatten, machten wir beim Schein der Petroleumfunzel in der Vorpik die phantastischsten Pläne. Wir kamen auf die Idee, in dem Fischerdorf Modeville eines der Segelboote an uns zu nehmen, dann hätten wir eine Heimat, könnten Fische fangen und hinfahren, wo wir hinwollten. Wir hielten uns den ganzen Abend in Modeville auf; man sah die Lagerfeuer der Eingeborenen, die Halbindianer sind. Ich bekam Angst, weil die Hunde so kläfften. Kleine Boote lagen am Ufer, wir nahmen eins, steuerten ein Segelboot an, gingen leise hinauf und kappten einfach den Anker; das Segel hatten wir schon losgemacht, es war zum Trocknen nur leicht befestigt. Da nur wenig Wind war, trieben wir ganz langsam vom Land ab. Kaum sind wir in Bewegung und haben das Segel gerade hoch, da sieht es einer vom Land und glaubt, das Boot treibe ab. Sie machen ein Boot klar, eilen sich noch gar nicht, denn das nur halb geheißte Segel war ihnen nicht verdächtig. Da reißen wir noch einmal an der Gaffel, und das sehen sie. Sie kommen immer näher. Was machen? Da endlich kommt das Boot aus dem Lee der hohen Berge frei, und wir erhalten Wind. Ausgerissen sind wir wie der Teufel. Da schossen sie an Land, aber wir sind glücklich durchgekommen und die ganze Nacht gefahren nach Seattle herunter. Da liegt ein deutsches Segelschiff, das außenbords gemalt wird. Wir kommen vorbei und bitten um Schwarzbrot, Schiffszwieback und weiße Farbe. Mit der Farbe haben wir das Boot weiß gestrichen und dann Fischerei getrieben. Aber wir waren doch Zugvögel, die nicht an einem Platz bleiben konnten. Nach kurzer Zeit hatten wir vom Fischen genug und wollten das Boot heimlich wieder nach Modeville zurückbringen. Dabei wurden wir entdeckt und als jugendliche Übeltäter vors Fürsorgegericht gebracht. Die Taugenichtse wurden noch glimpflich behandelt und ein paar Wochen unter Aufsicht gestellt. Wenn die Engländer freilich gewußt hätten, daß sich mit diesem Schiffemausen ein Talent für später regte, so hätten sie die Fürsorgeerziehung wohl über den Weltkrieg hinweg ausgedehnt.

Phylax Lüdicke.


Drittes Kapitel.
Als Matrose rund um die Welt.

Nach diesen bösen Erfahrungen zog es mich wieder nach der Heimat. Darum musterte ich auf dem englischen Viermaster »Pinmore« an. Auf ihr habe ich nun die längste ununterbrochene Seereise meines Lebens gemacht, 285 Tage von San Franzisko bis nach Liverpool. Wir hatten lange stillgelegen und wurden dann bei Kap Horn durch viele Stürme aufgehalten. Das Unangenehme war, daß wir nur für 180 Tage Rationen mithatten und auch das Wasser knapp und brackig wurde, da die Wellen in die Wassertanks eingedrungen waren. So starben unterwegs sechs Mann an Skorbut und Beriberi. Die Krankheit ging so weit, daß die Beine und der Unterkörper wässerig anschwollen und beim Druck darauf die Druckstelle nicht mehr zurückging. Wir fuhren nur mit Sturmsegel, weil keiner von uns mehr imstande war, in die Takelage zu gehen. Wir lebten von halben Rationen.